potrait
bernd-ulbrich_we
koenigs-kutsche-senkrecht
»Der König fährt Kutsche«

Die Malerin war leider nicht von meinem Titel zu überzeugen »Die Freiheit fährt Kutsche«.
Ich meinte, das sei Dialektik: Wahrhaftig, die Kutsche ist ein langsames Beförderungsmittel, und mit einem halben vorgespannten Gaul wird die Freiheit nie ankommen.
Zur Sicherheit hat die Reaktion ihr auch noch eine Bombe angehängt. Die friedliche Unschuld steht abgewendet davor und streichelt eine Taube. Nie wird auf diese Weise die Freiheit ihr Ziel erreichen.
Das ist deprimierend. Ich verstehe die Weigerung der Malerin.

Ein Kater, genannt Minotaurus, verspeist Höchste Repräsentanten

Erzählung

Darf Gott Losungen an seinen Himmel schreiben, vorausgesetzt, es gibt ihn, Gott? Das Rein des Azurs soll den Menschen zur Freude dienen! Um die heilige Information zu zerstören, lassen die Weltverbesserer oder der Teufel Wind aufkommen. So bleibt bis ans Ende aller Zeiten unklar, was das ist: Der Himmel. Gott sei Dank stellte sich jüngst per Dekret heraus, daß eine Klärung der Angelegenheit nicht im zentralen parteilichen Interesse liegt.

Vor blauglitzernden Klingen trieb sein Blick lebensgefährlichen Schabernack. Rechtzeitig noch sah er neben der sinkenden Sonne das Schild Luzifers: Bei Strafe der Blindheit ist Weiterblicken verboten!
Früher hatte er geglaubt, in diesem Blau würden die Tiere geboren. Doch die Enttäuschung der Erwachsenen ließ ihn wissen, daß hinter dem Blau nichts sein sollte.

Von lehrreichen Ansichtskarten erfuhr er über die Lichtbrechung sowie über die Entstehung der Farben. So grausam sind Fotografen.

Mit Sicherheit war der Himmel die Erfindung geistesgestörter Professoren. Wahrscheinlich war auch die Sonne ihr Werk. Angestiftet dazu wurden sie dem Vernehmen nach von Erwachsenen. Das wiederholte sich, bis daraus eine Gewohnheit wurde, der die Erfindung der Ausrede Vorschub leistete. Warum nur mußten die Anstifter stets für die Sonne und für den Wind und für die menschlichen Triebe nach Ausflüchten suchen. Warum nur gaben sie sich nicht zufrieden mit der Wärme, der Kühle und mit dem Unbekannten?

Er blähte sich auf, dehnte Leib und Extremitäten, hielt nicht inne zu wachsen, bis seine Füße gegen das Schädeldach stießen. Sein Gesicht entfaltete sich, vielleicht, daß er lächelte.
Hinter dem Unkraut wogten Brüste. Was war schon dabei? Schließlich sagte sie selbst immer: Faß doch mal an, für `ne Zigarette darfst du. Manchmal standen sie vor der Höhle im Wald Schlange und sie wählte aus, wer durfte und wer nicht. Manchmal klemmte sie ihn zwischen ihren Schenkeln ein! Gefangen! Was war schon dabei? Wie schön Brüste, halbverdeckt von Unkraut, sein konnten. Hier hätte er gekonnt, und es war ihm peinlich, daß er im reinlichen Hausflur versagt hatte.

Die Hose wurde zu eng. Er stieß den Fuß in den Sand und mit den Händen das Unkraut beiseite. Warm war ihre Haut. Warm umhüllte den Zeh das lockere Geriesel.

Was tust du da?

Er fuhr hoch.

Über das Unkraut wehte ein luftiger Hauch. Niemand zeigte sich. Der Zeh stieg wie ein weißer Pilz aus dem Sand. Er spuckte danach und sank träge zurück.

Ho ho ho, schrie der Wilde Mann!

Ach du bist es. Laß mich in Ruhe. Er schloß die Augen und schwamm fort.


Buttje, Buttje, timpeteh! Fischlein, Fischlein in der See!

Das Schwein denkt nur ans Vögeln.

Laßt ihn, sagte der Wilde Mann.

Der Junge muß an sein Fortkommen denken. Er hat nur Flausen im Kopf.

Laßt ihn.

Die Erfüllung der gesellschaftlichen Hauptaufgabe erfordert von uns allen den Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit!

Laßt ihn!

Der Führer ist lange tot. Aber die Nazis sterben nicht aus. Sie haben Deutschland, Deutschland über alles gesungen, während die Schlacht im Teutoburger Wald tobte.
Die Hose stand wie ein Zelt. Er schwamm höher, denn er mußte befürchten, auf Grund zu laufen (wie später der Tintentanker), schwamm dicht über wogendem Unkraut. Manchmal streiften ihn weiche Titten, auch Scharbockskraut, Ginster und gelbes Gras waren darunter. Spürbar schoß Wärme aus seinem Schoß. Was war schon dabei? Die Gedanken sind frei!

Sie gehört keinem. Ich auch gehöre niemandem! Keine Macht kann mich kaufen oder verkaufen. Trotzdem gibt es Rechte auf mich. Ist das ein dialektischer Widerspruch?
Ich biete an, als Gegenwert für meine Person: den hellen Sand, die zerbröckelnden Ziegel, die rostig verbogenen Stahlträger, die niemand, gar niemand beansprucht. Sogar die Neonazis hatten die Bundestagsdebatte darüber abgebrochen. Die amerikanischen Globalstrategen verhielten sich abwartend.
Unter dem Sandhaufen zu seiner Linken verbarg sich eine Raketenabschußrampe des Kreml. Sie stand seit längerem zum Verkauf.
Die Polen hatten sich für Gebiete westlich der Oder-Neiße-Friedensgrenze für nicht zuständig erklärt. Eine öffentliche Diskussion über die Nutzbarmachung als Neubaugebiet oder als Rübenacker lehnte die Partei ab.

In einem grauen, dreieckigen Gebäude tagte in Permanenz ein Sonderstab, dem Höchste Repräsentanten angehörten. Jedoch sah man sich genötigt, mit Rücksicht auf die politische Großwetterlage, ein vorläufiges Kommuniqué zu verabschieden. Der Fleck auf seiner Hose trocknete langsam.
Bis auf weiteres betrachtete er deshalb das Terrain, unkrautbewuchert endend am Flußufer, als sein Eigentum. Kein Gremium hatte dem widersprochen. Nur ein Stamm der Buschmänner hatte Interesse geäußert, das Gelände gegen etwa dreißig Ziegenfelle zu erwerben. Das aber stand in keinem echten Widerspruch zu seinen Optionen.
Wem hätte er glaubhaft darlegen können, daß diese Gegend frei von Widersprüchen war? Wer hätte ihn angehört?

Ich, schrie der Wilde Mann.

Ja, du.

Aber der Vater? Die Mutter? Das Klassenkollektiv? Das Mädchen etwa mit den Schwanenbrüsten?

Man hatte schon davon gehört, daß infolge der modernen Wissenschaft Zellkulturen völlig unterschiedlicher Organismen zusammenwachsen können. Ungelöst ist lediglich die Verteilung der Organfunktionen. Es gibt Konglomerate mit fünf Ohren. Eines davon pinkelt vielleicht. Zwischen zwei Zehen hervor betonte jüngst ein solche Ungeheuer: Du, als junger Mensch . . .mußt . . ., MUßT . . ., MUßT . . . Denn, Genossen, der Kampf um die Ablegung der Zukunft bricht an. Aber sieh dich vor, sagte von einer unbeschreiblichen Stelle her eine weibliche Stimme. Das kannst du doch schon, oder?

Ich kann nicht, flüsterte er.

Andere schlagen Schneisen in den Urwald. Sie ringen mit dem Fortschritt. Und du versagst in einem reinlichen Hausflur.

Ich liege zwischen Unkraut und masturbiere. Über mir scheint die Sonne, unter mir rieselt Sand. Rechts wächst, Hunderte Meter hoch, Unkraut. Eine Mutation. Unsere Wissenschaftler arbeiten zäh und beharrlich an der Aufklärung des Phänomens. Das von ihnen entwickelte Präparat wirkt wachstumshemmend auf Nichtnutzpflanzen. Als Nebenwirkung verringert es die Erregungsneigung. Das ist eine volkswirtschaftlich rentable Lösung. Jedem, der nützlich sein will, steht der Weg ins Kollektiv offen. Bereue, daß du im reinlichen Hausflur versagtest.

Ich könnte eine Schneise durch das Unkraut schlagen, das diente dem Fortschritt und möglicherweise meiner Rehabilitation. Statt dessen liege ich da und denke mir Schweinereien aus.

Links plane ich eine Hühnermastanstalt. Anscheinend verbirgt der Sandhaufen Schutt. Ein westlicher Geheimdienst gräbt derweil einen Tunnel zu der sowjetischen Abschußrampe. Er war wie immer nicht ausreichend informiert. Man sollte den Dingen auf den Grund gehen.
Er erhob sich, taumelnd von der Schwüle. Den Kopf tief gesenkt, rannte er schnaufend wie ein Vieh ziellos durchs Unkraut. Schön, schrie er stumm aus sich heraus, daß sinnlose Dinge Spaß machen können.

Zuerst, aus der Ferne, sah das Haus dunkel aus, fast schwarz. Beide, er und das Haus, standen auf einem gelben Fluß. Beide, er und das Haus, trieben dahin. Tat er einen Schritt vorwärts, trieb es ein wenig schneller.

Er stand still und blickte dem driftenden Haus hinterdrein. Irgend etwas stimmte da nicht. Wie ein Chamäleon versuchte das Gemäuer ihn zu täuschen. Es war verdächtig, gleich allem, das kein Licht mehr herausgibt, das sich der Reflexion durch das Kollektiv verweigert. Aber es war nur beinahe schwarz. Es war nur beinahe weit weg. Aber es rückte mit jedem Schritt ab. Man mußte es überlisten.

Schwarz wäre gleich unendlich, da wäre nichts zu machen. Er lachte, als er hinter den Trick kam. In Wirklichkeit leuchteten die Mauern in tiefem Blau. Atemlos rannte er auf das Haus zu.

Das Dachgestühl schwebte über dem Anker ohne feste Verbindung. Vor den Fensterlöchern spannten sich Gitter. Dort wohnten vorsichtige Menschen. In den Balken des Dachgestühls fraß der Holzbock. Aus den Kellerluken schien die Sonne. Die übrigen Fenster waren unbeleuchtet. Hinter den Scheiben hingen Gardinen. Die Läden hatte man rostrot gestrichen, fast braun. Das Blau der Mauern leuchtete und erzeugte einen fast unwiderstehlichen Drang, die Hand hineinzustecken wie in ein warmes, lebendes Wesen.

Vom Eingang zwischen zwei Pfeilern des zaunlosen Areals her führte ein Weg durch das Unkraut, wand sich vorüber, sichtbar, bis die Entfernung ihn aufsog.
Kein Laut drang hinter den Mauern hervor, kein Flüstern sickerte durch die Ritzen der Türen, kein Blick tropfte aus schamlos bewegten Gardinen.
Im sonnengewärmten Dachstuhl saß das Ungeziefer und fraß. Unter dem Dunkel von Schindeln dahinvegetierend wäre es wahrscheinlich ausgewandert und auf dem Weg durch die Wüste wahrscheinlich umgekommen. So aber fraß es im abgelagerten Gehölz. Was für einen Einfluß konnte das Naturgeschehen haben auf die Verhandlungen mit dem Schah von Maghrebinien?

Oil, Hoheit, Oil! Wir liefern Maschinen sowie Perpetua mobilia erster und zweiter Klasse. Da das Interesse breiter Kreise an unseren Produkten wächst, sind die Gebrauchsanweisungen ideologisch unverbindlich gehalten.

Wen interessierte es schon, daß die Schlüpferkonturen der Mathematiklehrerin ein gleichschenkliges Dreieck ergaben. Bedauerlicherweise war darüber keine ernsthafte öffentliche Diskussion zustande zu bringen.

An den Götzen vorbei, denen er von Geburt an zu Dankbarkeit verpflichtet war, schob er die rasch sich entkleidende Lehrerin. Sie drängte ihn gegen das Bett, denn daheim war ihr Mann. Bevor er sich zu ihr legte, verneigte er sich, so dem Brauch gehorchend, in Demut vor den türbewachenden Meistern und bat sie, um siebzehn Uhr ein Täßchen Tee zu bereiten.

Erzählung, 2016, unveröffentlicht



Der Schwimmer

Erzählung

Bis hin zu ihm in die Tiefe des Waldes drang auf geheimen Kanälen die Unruhe aus den Städten und Dörfern entlang des Flusses, getragen von Schwingungen, die, fast unmerklich, das Spektrum des Sonnenlichts ins Rot verschoben und das Mondlicht fragmentierten, so daß sein gütiges Antlitz sich zur Fratze verzerrte; unscheinbar unter der Maske des Biedermannes stand sie groß und rötlich drohend überm Firmament als Menetekel der kommenden Katastrophe. Aber niemand nahm die Zeichen wahr. Das ahnende Talent war verloren gegangen, seitdem die Rechenkünstler den Menschen die Zukunft versprachen. Niemand fand den Weg zu ihm, dem Ahner und Deuter. Niemand kam und fragte ihn um Rat. Ohnehin wäre es zu spät gewesen, vielleicht, vielleicht auch nicht, für dieses Mal jedenfalls. Aber es würde ein nächstes Mal geben und ein übernächstes. Die Natur war ein rachsüchtiger Gott und forderte nun Opfer für die mangelnde Demut, die Blindheit und den Egoismus.

Wie lange war es her, daß ein Mensch sich zu ihm verirrt hatte? Er brauchte sie nicht, nicht brauchten sie ihn. Wer auf wen mehr verzichten konnte, das war hier die Frage. Aber niemand stellte sie. Die Waldhüter schlugen einen Bogen um die Hütte und das Geviert des Gartens. Diese einfachen Menschen munkelten von Zauberei. Denn der Überfluß an Frucht erschien ihnen verdächtig und erfüllte sie mit Neid. Nie verheerte der Sturm das Haus des Einsiedlers, niemals schlug der Blitz ein. Verhöhnt und verflucht von den Besserwissern hatte er seinerzeit die Gabe des ahnenden Wissens mitgenommen. Was blieb ihm übrig? Wem hätte er sie anvertrauen können? Zahnlos ausspuckend erinnerten sich seiner noch allein die ganz Alten und wußten, wenn ihr Haus brannte oder der Baum aufs Dach gestürzt war, was der in seinen Namen gekleidete Fluch bedeutete. Auch wenn das Wasser kam, fluchten sie seiner, wenn die Kuhherden starben oder das Kind erkrankte, und die Ärzte nicht zu helfen wußten. Oh, er ahnte viel, zuviel. Laßt dem Fluß seinen alten Lauf, hatte er gemahnt, gebt dem Vieh gesundes Futter, rodet nicht die Wälder. Achtet der Natur, seid bescheiden. Baut nicht eurer Haus auf dem Grund, der dem Fluß gehört. Erzieht eure Kinder in Liebe, zu Gehorsam und Widerspruch. Sie hatten ihn verlacht. Ihr Acker brachte kranke Frucht hervor. Ihr Vieh wurde unfruchtbar oder warf Junge mit zwei Köpfen. Die Kinder wurden erwachsen ohne Kenntnis der alten Mythen, ohne Kenntnis der Zauberkraft des Willens. Sie verlachten die Götter der Träume und erhoben sich selbst zur Gottheit des Ich. Sie wurden blind, ohne es wahrzunehmen. Leere entstellte gleich dem Aussatz ihr Gesicht. Die kommende Flut drohte wie das Fieber mit Ausmerzung der Krankheit. Was ging das ihn an? Sollten sie sterben. Waren seine Tage gezählt? Sie sind es von Anfang an. Noch war nichts entschieden. Das Fieber heizte sein Gedärm und verlieh dem Denken hellsichtige Momente. In ihnen offenbarte sich der Dank der Toten für die Mühe, die er sich gemacht, ein Mensch zu werden. Er ahnte, wußte viel, aber noch nicht genug. Ein Leben reichte nicht aus, all die Neugier zu befriedigen. Was kam nach dem Tod? Er wollte das Fieber seiner Neugier in die Welt verteilen und seinen Willen messen mit der Gewalt des Flusses.

Geschmeidig glitt sein Körper durchs Wasser. An der Grenzfläche zwischen Fluß und Haut begegnete seine Hitze der Kälte. Ihn schauderte, und der Organismus gab nach, beugte sich den Gesetzen der Thermodynamik. Die überschüssige Energie des Fiebers entströmte in die nächste Umgebung, erzeugte kleine Konvektionsströmungen, winzige Wirbel, mikrokosmische Katastrophen des Chaos aus dem wie in alle Ewigkeit die Hoffnung auf eine neue Ordnung geboren wurde. Dem Schwimmer verschaffte der Verlust Erleichterung. Der Fluß würde ihm helfen, das Fieber zu besiegen. Neue, fast schon nicht mehr erhoffte Kraft erfüllte seinen Leib. Mit starken, weitausholenden Stößen stemmte er sich gegen die Strömung, gewann ihr Meter um Meter ab. Bruchteile von Winkelgraden veränderten die Ansicht des fernen Ufers. Nur der Eingeweihte wußte, gleich dem Arzt, der den Herzschlag des Patienten mißt, die unscheinbaren Zacken und Spitzen dieser Linie zu deuten. Das kaum wahrnehmbare Flimmern der rechten Kammer, in regellosem Abstand kehrt es wieder, bezeugt über dem Basisniveau das Chaos des Lebens. Gruppen von Erlen und Weiden säumten den Flußlauf hinter dem Deich. Schwarz und undurchdringlich hob sich das Ensemble der Kronen gegen den Nachthimmel ab. Dort, jene fast geometrische Silhouette, das mußte der Rest eines Brückenpfeilers sein! Was bedeutet die Form im kardiografischen Rhythmusdiagramm der Natur, vielleicht eine Extrasystole oder ein verstopftes Herzkranzgefäß? Krankheit und Verfall. Tief und gleichmäßig atmete der Schwimmer. Wenn er den Kopf untertauchte, vernahm er das Pochen und Stampfen des Herzens. Er zog Arme und Beine an, schnellte sich durchs Wasser, durchbrach die Oberfläche. Halb hob sich, folgend dem Kopf, der Torso in die Luft, fiel zurück in die tragende Kühle. Sie umhüllte und beschützte ihn, forderte als Gegenleistung ein paar überflüssige Kalorien. Was für ein geringes Opfer! Gerne spendete der Schwimmer es, wenn auch nicht gänzlich selbstlos. Vom Fluß gewann er seine Macht. Es war ein Geben und Nehmen. So lange er sich an der Oberfläche hielt, würde die Flut nicht wagen, über die Ufer zu treten. Einmal gab er einer momentanen Schwäche nach. Schon sanken die Füße hinab. Augenblicklich streifte Todeskühle sie. Angst ließ den Herzschlag stocken. Doch noch benötigte der Fluß, der gute, der leben-spendende, des Schwimmers fiebergeschütteltes Dasein im Kampf gegen jene hemmende Kälte, welche sich aus der Tiefe nach oben drängte. Das Wasser brauchte jeden einzelnen Wirbel des Chaos, um seine eigene Schwäche zu besiegen. Ein paar mehr um den Körper des Schwimmers trugen zum Ausgleich der Gegensätze bei, und so lange der Fluß ihn trug, würde er nicht über die Ufer treten. Es war ein dialektisches Geben und Nehmen mit all seinen Widersprüchen und Tücken. Die zerstörerischen Mächte waren nicht mehr aufzuhalten, nur noch zu zügeln, Aufschub für Stunden, Frist für Menschen und Schwimmer. Dessen biegsamer Körper teilte die Wassermassen, er-zeugte Gegenströmung, vermischte die kalten Anteile mit wärmeren. Schier unerschöpflich schien der Quell des Fiebers zu sein. Hilf mir, hatte der Fluß ihn, hatte er sich selbst im Traum angefleht. Einer mußte es tun, einer mußte das Wüten bändigen, einer mußte sich opfern. Unermüdlich stemmte er sich gegen die Strömung. In den Wirbeln seiner Stöße glitzerte das Mondlicht. Hier, von der Mitte des Stroms aus, konnte er die Ufer nicht mehr erkennen. Rechts und links dehnte sich scheinbar endlos die Fläche des Wassers. Er orientierte sich an der Drift. Jede andere Möglichkeit war ihm versagt. Eine unerhebliche Distanz ließ er sich treiben. Dann stieß er sich mit vermehrter Anstrengung in die entgegengesetzte Richtung, kämpfte sich vor, gewann Meter um Meter, triumphierte, während er sich wiederum eine geringfügige Strecke zurückfallen ließ, um zu erneutem Siegeszug anzusetzen. Manchmal traf er auf warme flüsternde Felder, die bald wieder von kühleren schweigenden abgelöst wurden. Doch auf diese Weise erreichten Botschaften ihn. Er erfuhr, daß noch andere, gleich ihm, mit dem Fluß rangen. In äußerster Not und letzter Sekunde suchten sie ihn durch das Opfer ihrer Lebenskraft zu besänftigen. Wohl ein-, zweimal rief der Schwimmer in die Nacht. Niemand antwortete seinem Schrei. Vielleicht waren die zu weit entfernt. Vielleicht reichte deren Kraft für eine Erwiderung nicht aus. Vielleicht wollten die ihn nicht wahrnehmen, wie sie stets seine Warnungen mißachtet hatten. Er mochte sie nicht erneut in Verlegenheit bringen, schwieg fortan, lauschte, schwamm. Mit der Stimme einer übermütigen, jungen Frau wisperte der Fluß. Warum soll sie nicht ausgelassen sein? Sie ist umschwärmt, begehrt. Aber sie liebt nur den einen. Der ist unerreichbar fern. Sie bleibt ihm treu, schreibt ihre Briefe in den Atemhauch an die Fensterscheibe und beobachtet, wie ein Luftzug sie mit sich fortnimmt. Solch eine Liebe gibt es nicht mehr sehr oft. Aber der Schwimmer hatte sie erfahren. Er kannte ja so manches Geheimnis, das gewöhnlichen Menschen versagt bleibt. Jeder Wassertropfen birgt eines. In jedem Molekül liegt die Information über die Entstehung der Welt. Warum sollte darin nicht auch von Liebe die Rede sein? Antworten auf die Fragen der Toten. Warum sollte der Fluß nicht über die Ufer treten? Warum bebte die Erde? Warum fielen Kometen vom Himmel? Warum war die Unvernunft in der Welt? Alles hat seinen Sinn. Der Schwimmer kannte die Antwort. Wenn die Liebste für ihn tanzte, bebte die Erde. Wenn ihre Augen vor Sehnsucht glühten, fielen Kometen vom Himmel. Wenn der Fluß über die Ufer trat, begehrte sie seiner. Die Unvernunft war der Spiegel der Vernunft. Mit ruhigen gleichmäßigen Stößen glitt er vorwärts. Er wollte jetzt dem Mond folgen, der genau im Flußlauf hinter dem Horizont versinken würde. Die Linie seiner Bahn war leicht zu denken. Er fixierte den Endpunkt und ließ sich nun nicht mehr zurückfallen. Zug um Zug gewann er Raum, und mit jedem Meter schien die Strömung schwächer zu werden. Wie lange er so geschwommen war, vermochte er nicht zu ermessen. Der Mond berührte jetzt fast den Erdkreis. Sein riesiger roter Schlund sog den Schwimmer gleichsam magisch an. Doch der mußte mit seinen Kräften haushalten. In diesen Stunden würde sich alles entscheiden, in diesen und nur in diesen, in keiner der folgenden. Noch war die Nacht nicht vorüber. Hielten er und die fragwürdigen anderen durch, dann wäre das Land gerettet. Der Mond wollte ihn verleiten. Er jedoch war schlauer, drehte sich auf den Rücken. Unablässig wie zum Paukenschlag hoben und senkten sich seine Arme. Die Beine fanden einen eigenen Rhythmus. Über ihm zog das Himmelszelt dahin und unter ihm die kühlen Wellen. Sie trugen das Fieber mit sich fort. Sein Blick wurde klarer. Er drang vor bis zum Polarstern und darüber hinaus, erkannte alle Strukturen des Alls, verbündete sich im Tanz mit der Geliebten endlich mit dessen geheimen Gewalten. Über welch eine Macht verfügte er plötzlich! Mit kühnen Schlägen zerteilte er das Wasser, zwang es schneller abzufließen und immer schneller, bis es furios dahinjagte. Gurgelnd, brüllend und schäumend drängte es sich dem fernen Meer entgegen, während die Arme des Schwimmers Dreschflegeln gleich wirbelten. Mit schäumender Kiellinie zog der Menschenkörper unbeirrbar seine Bahn. In dieser einzigartigen Nacht triumphierte der Wille und möglicherweise die Liebe über die blinde Gewalt der Natur. Baumstämme drohten den Schwimmenden zu zerschmettern, aufgedunsene Kadaver, ihn mit sich zu reißen, Schlingwerk und Ballen von Zeug, ihn in die Tiefe zu zwingen. Sein starker Arm zerschlug jedes Hindernis, peitschte unterschiedslos durch Menschenkörper, Tierleiber, nochlebende wie tote. Die Fluten rasten, und der Pegel sank um einige Zentimeter.

Erzählung, 1987, unveröffentlicht