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Norbert Thürich

Borstig möchten Finger nach ihr greifen, ihre Schönheit zu ertasten, ihrer Brüste Form ermessen, öffnen ihre Scham, Jungfräulichkeit zu prüfen, und zu stopfen noch der Gaffer Meute Rachen mit ihres Fleischs Geschmack. Maul an Ohr, zu brüllen ihres Duftes Süße. Sie, die Reine, zwischen Schlaf und Sein, ihrer Hände, Lippen, Augen Zärtlichkeit zu bergen im Refugium des Traums, nicht entweiht zu werden durch der Krallenpfoten Griff, geopfert nicht der Augenhöhlen leeren Abgrunds, in Nüstern nicht gesogen, deren Moder aufzufrischen. Meiner Muse Wesen werdet ihr nicht kennen.

Fremde Erde

oder

Eva und Adam

oder

So einfach ist die Sache nicht

Oder doch?

Roman
Science fiction

Ach, dieser Duft nach frisch geernteten Limetten, vermischt mit Oregano sowie Minze, noch etwas Unverfänglichem, körperhaft Verlangendem, ein Hauch von Sehnsucht nach Erfüllung, Weite und Meer, Haar und Haut. Der Gesang eines Vogels fern und doch unmittelbar. Raumfüllend von überall her wollte er ihn narren. Ohne Orientierung keine Gewißheit, Vertrautheit für den Lauscher im Verborgenen. Wo Nähe, wohin, wozu? Wo lag der Melodien Quelle, wo nur? Drängende Frage, existentiell: Sich den Widrigkeiten der Welt stellen oder untergehen, mit oder ohne Nachtigall, mit oder ohne Liebe. Illusion das eine wie das andere, namenlos und längst entschwunden. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche. Da haben wir’s klassisch und noch immer gültig im blinden Spiegel der Erinnerung, und nicht der Moment, um verlorener Sehnsucht nachzuhängen statt des Schlafes Liebestraum.
»Wach auf, Adam, wach auf«. Eva rüttelte ihn sanft an der Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich durchschaue dich«.
Der Ruf des Vogels war verklungen. Erdig ergänzt vom Geruch sonnendurchwärmten Gesteins blieben die Düfte kontrovers bestimmt. Das erschien ihm logisch, zugleich widersprüchlich, motivierte ihn indessen nicht, sich solcher Wirklichkeit auszuliefern. Wenn da nicht diese Stimme gewesen wäre. Sie sollte mir vertraut sein, sagte er sich mit einem inneren Lächeln des Selbstbetrugs, welches den Raum in ihm erhellte, und kam sich wie ein Verräter an einer auf geheimnisvolle Weise verlorengegangenen, jedoch seit mehreren Tausend Jahren irgendwie existenten Intimität vor. Manipulation der Zeit, an sich selbst, an, wie hieß sie doch gleich, wie lautete ihr Name? Nun mache dich nicht lächerlich, rief er sich schließlich zur Ordnung und lauschte dem Echo ihres Namens.
Ein wenig gedämpft durch Ungeduld, doch mit verhaltener Zärtlichkeit schaute Eva auf den scheinbar Schlafenden. Ihr Drängen hatte seine Berechtigung, denn die Ereignisse erforderten ihre und seine Gegenwart im Kreise der Crew. Genau genommen, war es nur ein einziges, allerdings eines mit unendlich vielen Facetten. »Verdammter Simulant, werde endlich erwachsen. Deine Werte beweisen, du bist wach, und Albert bestätigt es«.
»Albert, immer wieder Albert«, räsonierte der Leugner mit überraschend fester Stimme. »Ich habe genug von Albert. Was sagt Dr. Anastas?«
»Der würde jede Lüge auf sich laden, nur um dir einen Gefallen zu erweisen. Es ist mir ein Rätsel, weshalb er einen Narren an dir gefressen hat«.
Adam nahm sie nicht wörtlich, antwortete der Polemik mit einer milden Replik: »Ein Pastor lügt nicht. Ein Arzt auch nicht. Wäre er nun auch noch Richter, kämen wir in seiner Person wahrlich und wahrhaftig zu einer heiligen Dreifaltigkeit der Wahrheit«.
»Amen«, kommentierte Eva mit leichter Ironie. »In dem einen Fach wäre er so wenig zuständig, wie im anderen«, stellte sie indessen kategorisch klar. »Weder liegst du im Sterben, noch bist du krank, und wenn, wärst du eher ein Fall für Nina, wie wir alle, gewährten wir den Symptomen Raum und ließen uns gehen wie du im Augenblick. Also spar dir das Theater«. Sie holte schnell und tief Luft. »Ja, es ist schmerzlich. Immer wieder war es falscher Alarm. Aber diesmal ist es anders, ich schwör dir‘s«. Evas Stimme trug die Resonanz resoluter Nachsicht gegen alle Autoritäten dieser und jener Welt, war sie doch kraft ihrer Position als Kommandantin gehalten sie alle zu überbieten, das namenlose Schicksal eingeschlossen.
»Wie oft haben wir das geglaubt?« murrte der Gemahnte, die Augen weiterhin fest geschlossen haltend.
»Du scheust wieder einmal die Wahrheit«.
»Ich scheue die Wahrheit deiner Schönheit«, bekannte er, nicht einmal lügend, in letzter Konsequenz aber doch, sich selbst verleugnend und seiner selbst spottend.
»Adam, Lieber, es ist der falsche Moment für Komplimente, und außerdem zu spät. Wir hatten einvernehmlich beschlossen uns zu trennen«.
»Einvernehmlich, wie das klingt. Der Delinquent liegt einvernehmlich unterm Fallbeil«.
Evas nüchtern-analytischer Sinn bildete gewissermaßen den Gegenpol zu Adams dramatischer Übertreibung. Sie warf ihren heiter gequälten Blick in einen imaginären Himmel; waren sie sich doch selbst Himmel geworden, seit dem Start der Arche Noah in denselben, um eine neue Erde zu finden, eine erträumte Welt des Idealen. Darunter machten es die Enthusiasten nicht, und Adam war einer der ersten Stunde gewesen. Da eine einzige heruntergewirtschaftete Erde der Maßlosigkeit der Menschheit nicht mehr ausreichte, sollte eine zweite der Hybris bequemes Vehikel sein. Doch so einfach ist die Sache nicht:
Obwohl deren Existenz qua Statistik hinlänglich bewiesen sein sollte, wurde weiterhin, so zwanghaft wie untauglich, Beweis auf Beweis gehäuft, Statistik zu Statistik gefügt. Wer immer vor Zeiten deren Urfassung akademisch sauber gefälscht hatte, ließ sich nicht mehr ermitteln. Zeitübergreifend schrieb eine ehrbare Fälschergeneration von der vorigen ab: Soundsoviel Sterne vom Typ Sonne, umkreist von soundsoviel Gesteinsplaneten in habitablem Abstand, mit leicht geneigter Rotationsachse, etc., etc., minus die Kandidaten ohne Atmosphäre, Wasser sowie einige Milliarden weiterer Marginalien. Übrig blieb immerhin eine mathematisch herbeiphantasierte Anzahl aus der Multiplikation von Billiarden mal Billiarden, wissenschaftlich ausgedrückt 1024, mehr als Atome im Universum. (Ein Schelm, wer darin eine Ungereimtheit sieht.) Kohorten von Adepten der Wissenschaft hatten sich darüber den Doktortitel erschrieben, sich, wie einst sie selbst, auf Kosten begabter Nachwuchs-Ehrgeizlinge habilitiert, um schließlich erfolgreich um wohldotierte Professuren zu intrigieren. Und hatten doch in selbst auferlegter Bescheidenheit vorsichtshalber den Becher der Wissenschaft nie bis zur Neige geleert. Der Antwort auf die Frage, warum Gott würfelt, bemächtigten sich Berufenere: Schamanen, Seher, weise Frauen, Gurus, Sektenführer, Todgeweihte, Wiederauferstandene und andere Erleuchtete mit der Lizenz zum Heil ließen sich ihre Visionen der schönen neuen Welt von Leichtgläubigen, Verwirrten und Verzweifelten fürstlich honorieren. Influenzer, Astrologen, Wahrsager und Lobbyisten, Finanz- und Wissenschaftstycoons, männlich wie weiblich, stiegen in das Geschäft Brave New World ein. Dunkelmänner und Lichtgestalten anderer Geschlechter überzeugten politische Mandatsträger jeglicher Couleur vom Projekt Arche Noah, um der Halluzination irdischer Zukunft in kosmischer Ferne märchenhafte Projektion zu verschaffen und sich selbst im Dunkel ihres diversen Seins ein wenig irdischen Glanz. Ein Fieber erfaßte die Menschheit, das Fieber der Apokalypse ohne Offenbarung. Derweil unbemerkt eine Blindheit ganz anderer Art den Alchimisten, den Rang als Weltuntergangsrettungspropheten ablief. Die Träumer sollten recht behalten, die Realisten ebenso.
Seither waren auf der Erde Zehntausendneunhundertsechsundvierzig Jahre, nicht zufällig eine Fibonacci-Zahl, mithin eine glücksverheißende, verstrichen, für die Mischform träumender Realisten und realistischer Träumer an Bord des Raumschiffs Arche Noah selbst lediglich fünf oder sieben. So genau wollten sie das gar nicht wissen. Allzu gering schien die Ziffer, um hin und wieder, hier und da ausbrechende Depressionen und deren Häufung mit der Zeit zu erklären. Dafür war die Psychologin und Psychotherapeutin Nina zuständig, wie für etwaige Turbulenzen in Liebesdingen, Treue, Ehre, Wahrheit und ähnliche Imponderabilien des menschlichen Miteinanders. Alles überschaubar bei dem derzeitigen Kern von vierzehn Besatzungsmitgliedern des Alarmteams. Zu deren Träumen gehörte, so zweifellos wie legitim, auch die Liebe; Quell von Stärke und Schwäche; Zuflucht und Flucht zugleich, Irrtum und Blindheit eingeschlossen.
»Du wolltest dich trennen, nicht ich«, sagte Eva ohne Vorwurf, aber vielleicht doch um eine verdächtige Spur zu sachlich.
Adam seufzte, was er mit einem tiefen Atemzug zu verschleiern suchte. Er widerstand der Versuchung, ihr zu sagen, daß er sie noch immer liebe; es hätte die ganze Geschichte lediglich weiter kompliziert, war sie doch bereits kompliziert genug. Daher öffnete der Simulant aus gutem Grund die Augen lediglich halb, blinzelte, schloß und öffnete die Lider, bis er wieder klar sehen konnte: Über die Decke seiner Kabine zogen die Szenen idyllischer Landschaften, schier von romantischen Malern ersonnene Traumwelten. Sie korrespondierten, bis ins letzte Detail abgestimmt, mit dem nach wie vor zum Einsatz gebrachten Duftcocktail auf die psychische Verfassung des Erwachenden, um ihn instand zu setzen auch die widrigsten Umstände zu ertragen. Nicht Nostalgie sollten sie befördern, nicht Sehnsucht nach der Erde, die sie vor Äonen mit einem One-way-ticket verlassen, sondern Lust auf und Glauben an eine widerspruchsfreie Zukunft induzieren. Handelte es sich doch um Bilder fremder Welten, die sie besucht, denen allesamt eines gemeinsam war, ein winziger unsichtbarer Makel, welcher deren Besiedlung durch Menschen unmöglich machte: entweder, das in äußerst seltenen Fällen, waren sie bereits Wohnort intelligibler Hominiden oder unverträgliche atmosphärische Parameter standen der Auswahl entgegen, dazu alternierend oder ergänzend das negative Ergebnis geologischer Analyse kaum vorhandener oder gänzlich fehlender Erzlagerstätten solcher Rohstoffe, die unverzichtbar für den Aufbau einer technischen Zivilisation sind, angefangen bei Eisen, über Seltene Erden, bis hin zu Uran. Dies erscheint widersprüchlich, besaßen sie doch ohne Ausnahme alle – erzeugt durch einen rotierenden Eisen-Nickel-Kern, in dem sich auch viele der anderen schwereren Elementen konzentrierten – ein Magnetfeld. Offenbar fehlte ihnen genau die Phase der Planetenbildung, welche man im Fall der Erde als Großes Bombardement bezeichnet. Über viele Millionen Jahre hatten zahllose Asteroiden diese Elemente in Erdmantel und Erdkruste des noch sehr jungen Planeten eingebracht oder sogar durch größere Impakta solche aus dem äußeren Erdkern wieder nach oben, bis in die Erdkruste befördert. Die spätere Tektonik besorgte dann den Rest. Unter diesem Aspekt bildete die Erde, wenn nicht die Ausnahme, so doch selbst unter kosmischem Maßstab, einen seltenen Fall.
In dieser oder ähnlicher Manier waren sie, die dahingeschwundenen Hoffnungen, greifbar nahe und doch unerreichbar. Auf der Suche nach einem Halt irrte Adams Blick ab zu den psychologisch ausgetesteten Farben der Wände, die sich durch Änderung optimal seiner Aufmerksamkeit anpaßten. Evas Antlitz, das sich mit irritierend zukunftsfrohem Ausdruck, jedenfalls deutete Adam ihn so, über ihn beugte, rettete ihn durch seine unleugbare Konkretheit aus dem Nirwana psychologisch induzierter Dekonstruktion des Heils. Ihr Oberkörper in der attraktiven Kommandantenuniform war Verführung pur. Er stellte sich vor, wie schön es wäre, ihre Brüste zu streicheln, zögerte jedoch, denn erstens, war sie im Dienst, zweitens, weil auf der Erde seit der letzten solcher Zärtlichkeiten zwischen ihnen mindestens zweitausend Jahre, eben keine Glückszahl, vergangen sein mußten: lebende Mumien streicheln einander nicht. Irdischer Maßstab galt nicht mehr? O doch, er würde immerfort gelten. Lag die Verlockung, sich die Vergangenheit zu verklären, in der Möglichkeit Brüste zu liebkosen? Nach gedachten fünf Zentimetern, indes gerade noch rechtzeitig, um unverdächtig ihres Ziels zu wirken, ließ er die Hand wieder sinken und trieb mit dem Versuch in den Abgrund der Hilflosigkeit.
»Du hattest dich verändert, nachdem die Mannschaft mich als Kommandanten abwählte und dich für die bessere Alternative ansah«.
»Es hat dich verletzt, das ist verständlich«, erwiderte sie. »Das Thema sollte jedoch nicht endlos unsere Beziehung bestimmen. Ist es nicht besser, ich, als jemand anderes, vielleicht Herf? Er ist fraglos ein guter Zweiter Offizier. Aber Kommandant? Ersatz für dich? Vielleicht irre ich mich. Es ging ja keineswegs um deine Eignung als Kommandant, sondern um deine negative Haltung zu unserer Mission. Nach siebentausend Jahren, oder waren es bereits elf, und immer wieder Mißerfolgen, welche du ja nicht zu verantworten hast, brauchte die Crew jemanden, der sie motiviert. Als mein Stellvertreter und Erster Offizier wiegt dein Pessimismus nicht mehr derart richtungweisend«.
Adam setzte sich auf. »Erwiesen sich meine Zweifel nicht als berechtigt und tun es noch immer?«
Natürlich war ihm das alles bekannt. Soviele Jahre waren auf der Erde vergangen, und seither noch einige tausend mehr. Indessen in den Perioden des Durchbruchs galt dieses Zeitmaß für das Raumschiff nicht. Mit jeder Beschleunigung im Feld der Raumzeit-Annihilation nach einem erneuten Fehlschlag durchbrach das Raumschiff auf Grundlage der weiterentwickelten Schleifenquanten-Gravitationstheorie und der daraus sich ergebenden Wurmlochmanipulation erneut das stabile Gefüge des vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums. Wobei den Theoretikern und Theoretikerinnen seinerzeit und bis heute nicht einmal klar war, ob die dunkle Energie den Impuls des Durchbruchs für den Antrieb lieferte oder die vierdimensionale Raumzeit selbst. Die Gleichungen der dreizehnten Generation Einstainscher Nachfolger legten nahe, daß beide untrennbar miteinander verbunden und in quantendynamischer Hinsicht möglicherweise identisch und austauschbar waren. Eine quantendynamische Wahrscheinlichkeit widerlegte oder bestätigte die andere. So oder so, lief es auf eine Verlegenheitserklärung hinaus. Diese überdauerte die Jahrzehnte und Jahrhunderte, indem sie die Wirkung der zentralen Einheit des Transformations-Antriebs einigermaßen eigenwillig, doch immerhin mathematisch unanfechtbar mit dem virtuellen Verbrauch der Raumzeit vor dem Schiff und deren gleichzeitiger Wiederherstellung aus dem zeitlosen unendlichen Reservoir höherer Dimensionen hinter der Arche Noah interpretierte. Der Birham-Generator war seinerzeit schließlich die Folge einer Zufallsentdeckung gewesen. Mit dem Resultat, daß die Praxis der Theorie recht gab, allerdings ohne den menschlichen Faktor zu berücksichtigen, was ohnehin nicht Aufgabe wissenschaftlicher Theorien über Raumzeitannihilierung und verwandte Abstrakta ist.
Bedauerlicherweise kam es in der Anfangsphase der praktischen Anwendung zu Opfern, obwohl die Durchbrüche in die Annihilation jeweils nur Sekunden andauerten, um der Zeitverschiebung ein menschliches Maß zu verleihen. Ausnahmslos waren die Mitglieder der Besatzungen nach ihrer Rückkehr entweder wahnsinnig oder tot aufgefunden worden. Die Zerstörung ihrer mentalen und kognitiven Strukturen mußte, so die logische Konsequenz, abgeleitet aus den wirren Aussagen Überlebender, auf Sinneseindrücke, mithin Erlebnisse im Zustand des Durchbruchs zurückzuführen sein. Hatte die Dialektik des Göttlichen jene Unglücklichen in den Wahnsinn oder die wahre Natur des Menschseins, eben ihre eigene, manche in den Tod getrieben? Um den menschlichen Organismus vor den offenbar ursächlichen Auswirkungen der Aufhebung des normalen Raumzeit-Kontinuums zu bewahren, verbrachte auch die Crew der Arche Noah solche Perioden im Tiefschlaf der Zeitlosigkeit. Während im normalen Universum die Zeit raste, stand sie bei ihnen, geschützt in sogenannten Zeitkapseln, still.
Obwohl Albert, in seinem Äußeren die Erscheinung seines Originals, Einstein, täuschend echt, ja, echter noch – was im Gegensatz zur Orwell’schen Gleicher- als-gleich-Überhöhung – keinen dialektischen Witz enthält, virtuos imitierend, stets erneut und unbeirrt – dies im Widerspruch hinsichtlich seiner niemals zu beanstandenden Funktion als Herr, somit Lenker dieser Phänomene und ihrer Funktionen – behauptete und mit hochtheoretischer Rhetorik zu beweisen versuchte, daß eine solche temporäre Annihilation, und noch weniger die räumlich begrenzte, nicht möglich sei, denn die Feldgleichungen seiner speziellen, wie auch der allgemeinen Relativitätstheorie, nicht zuletzt durch Hawking bestätigt, gäben das lediglich für die Realität des Schwarzen Lochs her; die Erfinder des Birham-Generators seien Scharlatane und Betrüger. Solches referierte ER überzeugend und mit der ruhigen Gewißheit des Genies, welches, zumal als KI, über alle menschlich-irdischen Maßstäbe erhaben ist. Was regelmäßig kollektive Heiterkeit auslöste, welche ER nicht übelnahm, war doch ER persönlich es, der den Prozess des Durchbruchs steuerte und beherrschte. Wenngleich in Bezug auf ihn die Definition ›persönlich‹ einigermaßen abwegig erscheinen muß.
Zusammengekauert als fröre ihn, meinte Adam in Wahrheit, in dieser quasi-embryonalen Haltung den Tatsachen sicherer begegnen zu können, wich, Orientierung suchend, Evas Blick aus, kehrte schließlich aus raumüberschreitender Ferne zu sich selbst zurück und wurde sich seiner Nacktheit bewußt. Er unterdrückte den Affekt, seine Blöße zu bedecken, wollte sich nicht Assoziationen intimer Momente ausliefern, da sie – gedacht vor Äonen, doch gefühlt gestern – beieinander lagen und sich liebten. Gewissermaßen sich selbst kasteiend, ließ er schließlich, intensiv jedes Detail prüfend, seinen Blick durch den Raum schweifen, als nähme er dessen Gesamtheit zum ersten Mal wahr, persönliche Utensilien des alltäglichen Gebrauchs, Andenken von irdener Substanz, mithin Souvenirs eines anderen Lebens, Verspieltheit des Seins eines Zeitreisenden, die Terrakottafigurine eines bösartig erscheinenden Geistwesens; ein bunt bemaltes menschliches Gerippe lachte der männlichen Schwäche Hohn, ein Faustkeil vom Feuersteinfeld an der Küste, ein wespenähnliches Insekt in Bernstein, ein Salzblock vom äthiopischen Afrerasee, Erinnerungen an schöne, schwere Zeiten. Faktisch machten sie das technisch sachliche Interieur der Wohnzelle wenngleich sentimentbeladen unverwechselbar zu seinem, Adams, Ort. Manchmal, wenn sie sich hier trafen, hatte Eva mehr aus Verlegenheit als daß sie es so empfand, seine Marotte belustigt kommentiert. Sie kannte nicht die Geschichten dahinter, und er hütete sie wie ein Geheimnis, deren Verlautbarung ihm Unglück bescheren würde. Warum nur, waren es doch jeweils Episoden ganz alltäglichen Geschehens. Indes bildeten sie den Geist, den er zurück in die Flasche beschwor, bevor er die anderen heimsuchte, Bewohnerinnen und Bewohner der identisch gestalteten Wohn- und Zeitschlafzellen, wie sie jedem und jeder der Besatzung zustand. Sie alle pflogen ihre Erinnerungen auf eigene Weise, sichtbar oder doch unsichtbar, mit oder ohne Tränen, gaukelten sich Stärke vor oder gaben sich der Schwäche hin wie einem Rausch. War Eva seine Schwäche, sein Rausch gewesen? Im Kontrast milden, anheimelnden Lichtscheins zeichnete sich ihre Silhouette als Traumgebilde. Was wäre reizvoller noch als eine nie gelebte Vergangenheit als Ort unendlicher Möglichkeiten?
Intensiv, geradezu süchtig, gleichsam befreit wie von einer Last, atmete Adam die wohltuend belebenden Düfte des Willkommens ein, worunter sich manipulativ die der ehemaligen Geliebten mischten. Er lauschte den suggestiven Klängen einer Sphärenmusik, die Zuversicht und Hoffnung inspirieren sollten, was nun nicht mehr seine, sondern Aufgabe der Kommandantin war, pflichtbewußt, behufs ihrer Position, den Kraftquell für alle zu bilden, während Nina, die einfühlsame Psychologin, die Kür zu liefern hatte.
»Wie geht es Pocahontas?« fragte Adam.
»Wie immer, gut«, entgegnete Eva. »Sie ist nach wie vor die einzige ohne depressive Verstimmung und erträgt als eine Art ruhenden Pol, zu dem keiner einen Kompaß hat, den geheimen Neid der anderen. Aber das ist nicht der Kern deiner Frage.«
»Richtig«, gab Adam zu. »Ich wollte nicht direkt fragen und hoffte auf deine Antwort. Ausnahmslos immer lag sie mit ihrer Prognose richtig. Widerspricht sie auch diesmal der allgemeinen Euphorie?«
»Unsere schöne Schamanin hat den Großen Geist Manitu befragt«, antwortete Eva ohne Spott und wehrte mit einer Handbewegung Adams Nachfrage ab. »Sie teilt uns nicht mit, ob er geantwortet hat und was.«
»Sie schweigt?« erstaunte sich Adam mit einem Unterton von Empörung. »Das ist ungewöhnlich. An mangelndem Mut kann es nicht liegen.«
»Manche von uns vertrauen ihrer Aussage mehr als Albert und den eindeutigsten Fakten. Vielleicht sagt sie dir etwas. Unter diesem Aspekt stehst du ihr wohl näher als jeder von uns.« Sie hatte diesen letzten Satz derart eilig hinzugefügt, als gelte es, einen Verdacht auszuräumen.
»Eifersüchtig?« kam dann auch prompt wie als Bestätigung dessen.
Eva lachte auf. Sie warf den Kopf zurück, sandte von Zähnen und Augen ein Leuchtfeuer mit nur dem Eingeweihten bekannter Codierung, sollte dieser einmal in einem Zustand emotionaler Umnachtung vom rechten Weg abirren. Im Unterschied zur Mehrheit ihres Geschlechts war dies bei ihr kein Spiel, sondern entsprach der Ernsthaftigkeit ihrer Natur. Adam kannte und liebte diese Eigenschaft an ihr, und doch hatte er in einem Moment eingebildeter oder wirklicher Entfremdung den Bruch vollzogen. Abrupt hatte er die Frage ausgesprochen und überrumpelt hatte Eva zugestimmt. Ihre menschlichen Widersprüche waren nicht zu Hause geblieben. Als unwägbare Last würden sie sie mit sich schleppen bis in den entferntesten Winkel des Universums; die Liebe war nur ein Fragment davon. Ihre Heimatlosigkeit, die Aufgabe selbst, würde bei den einen von ihnen als verbindendes Element Brücken schlagen, bei anderen die Isolation zu sich selbst verstärken.
Gut dreitausend ›Siebenschläfer‹ lagen in ihrer schützenden Zeit-Kapsel, deren Backman-Feld dem Organismus Zeitlosigkeit nicht simulierte, sondern tatsächlich schuf. Backman und ihre Leute hatten seinerzeit die theoretischen Grundlagen für die Trennung von Raum und Zeit geschaffen, wodurch keine sieben Jahre später einem internationalen Team durch die banale Verwechslung zweier Sensoren, rein zufällig die praktische Anwendung in Form von gleichermaßen zeitlosen, wie begrenzten Rauminseln gelang. Innerhalb dieser Blasen erloschen jegliche Stoffwechsel– wie Alterungsprozesse, selbst die der mitreisenden Mikroorganismen, Viren, Bakterien, Pilze. Etwas mehr als dreitausend Menschen, offiziell Passagiere genannt, überdauerten auf diese Weise bei Raumtemperatur gemeinsam im Großen Depot die Reise. Sie würden erst geweckt werden, wenn der Erfolg ihrer Mission, nichts weniger als dies, eine zweite Erde aufzufinden, allen Aspekten, auch noch den geringfügigsten, der Notwendigkeit entsprochen hätte:
Es stand, und dies war wie bereits tausendfünfhundertsechsundneunzigmal zuvor, das dramatische Momentum der ultimativ letzten Prüfungsebene an, Feinarbeit gewissermaßen, Jahrmilliarden einer Planetenentwicklung in den Stunden von wenigen Tagen aus der Ferne zu analysieren. Wäre ein einziger Faktor, eine Wahrscheinlichkeit, in der Abfolge von Zeitfenstern, eine mathematische Komponente der Theorie nicht richtig beurteilt oder gar vergessen worden, wäre alles hinfällig. Bislang schien das Zusammenspiel aller Abstrakta und Konkreta perfekt; ein Attribut, auf welches selbst die göttliche Schöpferkraft verzichtet hatte. Nicht, weil sich diese verborgene Intelligenz bei der Schaffung der Welt solcher Hybris hätte enthalten wollen, sondern, weil Perfektion Stilstand bedeutet hätte. Wußte die KI Albert um die Konsequenzen, gaben seine Algorithmen soviel Selbstreflexion her? Waren selbst die abwegigsten, unwahrscheinlichsten von den Müttern und Vätern des Unternehmens vorausbedacht worden, erweitert um einige Perspektiven aus eigener KI-Erfahrung und der daraus resultierenden KI-Logik? Folgte die KI Weisheit, Logik und Moral eines Menschen, der Pfeife rauchte und ganz passabel die virtuelle Geige zu spielen verstand?
Nicht zu einer jeden, lediglich zu einem Bruchteil Chancen versprechender Begegnungen, hatte er, wie eben auch dieses Mal, die gesamte Crew geweckt, im Falle gewisser charakteristischer Zweifel, was selten vorkam, lediglich deren Führung, Adam und Eva. Was als Colateraleffekt dazu führte, daß beide aus der Einsamkeit in die Intimität und zu einander fanden. Für die KI, Albert, bildete diese Entwicklung jedenfalls eine neue, hochinteressante Erfahrung um sich weiterzuentwickeln, und er weckte sie mitunter ohne jede technische oder logistische Notwendigkeit, vielmehr aus purem Eigeninteresse. Einem Menschen wäre Voyerismus angelastet worden. Freilich kam das Paar ihm unwissentlich entgegen, trieb es doch ungehemmt selbst in der Steuerzentrale miteinander. Doch diesmal lag, wie die hereinkommenden Daten bald aufzeigten, offenbar keine Grenzüberschreitung seinerseits vor. Ihm selbst war nicht einmal bewußt, warum er zu diesem Zeitpunkt diesen Kurs, dieses Zielobjekt auswählte. Seine Algorithmen befahlen es ihm, gewissermaßen sein Unterbewußtsein.
Zurückgeworfen auf ein archaisches Vormenschensein zählte Adam, eins, zwei, viele. Ein müdes Lächeln belebte seine Züge kaum. Die Vorstellung des unendlichen Mals kreiste in seinem Denken und mündete in einem Chaos von Ziffern und Zahlen. Verzweifelt Halt suchend, fixierte sein Blick Eva, drang durch ihre Uniform, tastete, suchend nach Erlösung, ihre Haut ab. Ohne sie zu berühren spürte er ihren Herzschlag, seltsam synchron zu seinem eigenen.
Eva dachte nicht daran, ihn aus seiner Verlegenheit zu erlösen. Die Kleidung ihres Stellvertreters lag griffbereit in der Nähe. Sie war weit davon entfernt, sich an seinem Zustand zu weiden, ließ vielmehr, heiterer als er, besagte Assoziationen zu. Sie ahnte, was ihn bewegte, daß sein stilles Gedenken der Vergangenheit, eine Flucht vor der Zukunft war. Dieses Verlorene konnte sie nicht wiederherstellen; ihre Zukunft charakterisierte sich für sie in der Beschwörung der symbolträchtigen Größe einer Zahl.
»Tausendfünfhundertsiebenundneunzig«, wiederholte er in dem unbewußten Drang, sie wie zum Trost für die Stille zwischen ihnen zu bestätigen.
»Eine Fibonacci-Zahl, das jetzige Ereignis mitgezählt«, erklärte sie aus demselben Empfinden unerträglichen Schweigens.
»Sollen wir es noch weitere tausendfünfhundertsiebenundneunzigmal versuchen?« trieb er das Spiel der Ausweglosigkeit auf die Spitze.
»Du warst einmal ein Pionier der Hoffnung«, sagte sie ohne Vorwurf. »Wann hast du sie aufgegeben?«
»Als ich erkannte, daß unsere Liebe eine Verlegenheitslösung ist.«
Obwohl sie ihn in der Vergangenheit, indem sie für Offenheit und schonungslose Ehrlichkeit warb, wiederholt sanft gedrängt hatte, ihr eine Erklärung für seine Entscheidung zu liefern, hatte er dem bislang nicht nachgegeben. Nun, angesichts der Wahrheit, mußte sie sich doch mühen, dem Schock kein Gesicht zu leihen und rettete sich in den psychologischen Taschenspielertrick des Themenwechsels.
»Wie dir bekannt sein dürfte, repräsentieren die Fibonacci-Zahlen das kosmische Gleichmaß: der goldene Schnitt, der goldene Winkel, alles steht für das Verhältnis eins zu einskommasechsacht, also für Schönheit und Harmonie, letztlich für Glück. Das Universum ist, noch bis in den letzten Winkel Planckscher Länge, durchdrungen davon. Logische Schlußfolgerung – nichts anderes als das, wird uns zweifellos dieses Mal erwarten. Es kann nicht anders sein. Alle Anzeichen, die gemessenen Werte, die Bilder, die uns erreichen, sprechen dafür. Albert gerät regelrecht ins Schwärmen«.
Er war ihr dankbar für den Bruch, folgte ihm willig ohne sich selbst aufzugeben. »Und warum haben sie das nicht bei allen vorigen Fibonacci-Zahlen getan?« Sein Blick traf sie aus blindsichtigen Augen, scheinbar noch immer traumverschleiert, denn während des Zeitschlafs träumte man nicht.
»Weil wir just seit Zehntausendneunhundertsechsundvierzig irdischen Jahren unterwegs sind«, gab sie sich scheinbar triumphierend.
»Das ist reinste Astrologie«, folgte er ihrem Bemühen, in der Gegenwart anzukommen. »Ich vermisse deinen kristallklaren analytischen Verstand. Was sagt Albert dazu?«
»Albert, immer wieder Albert«, erwiderte sie, in Gestus und Tonfall ihn imitierend, und sie lächelten sich zu, so daß sie mit der Eigenschaft, die er soeben für abwesend erklärt hatte, fortfuhr: »Die Galaxie, den Bildern zufolge, welche Albert liefert, ähnelt unserer Galaxis, weist aber zwei Spiralarme weniger auf und noch einige kleine Unterschiede. Da der Kippunkt des Transits bereits hinlänglich weit hinter uns liegt, hat Albert das Bremsmanöver eingeleitet. In circa drei Tagen Normalzeit werden wir in die Umlaufbahn unserer neuen Heimat einschwenken. Es handelt sich um den zweiten Planeten von sieben, einer der Klasse Erde, was zu erwähnen sich erübrigte, indessen angesichts deiner ewigen Zweifel: Sauerstoffatmosphäre, niedriger CO²-Anteil, unter zweihundertfünfzig ppm, keine Zivilisationsmerkmale. Er besitzt zwei Monde, kreist innerhalb der habitablen Zone um das Zentralgestirn, welches unwesentlich weniger warm strahlt als unsere Sonne. Seine Durchschnittstemperatur liegt indessen etwa viereinhalb Grad Kelvin unter der unserer Erde“.
»Ziemlich ungemütlich«, bemerkte Adam. »Mich friert“. Er machte Anstalten sich zu erheben, stand schließlich nackt und ein wenig unsicher auf den Beinen. »Angesichts dieser Erkenntnisse fragt sich, weshalb werde ich eigentlich so spät geweckt«, kam er zur gegenwärtig unwichtigsten aller Fragen. »Schließlich bin ich dein Stellvertreter, und auch du würdest mit Gegenwart in der Zentrale deiner Position gerechter.«
»Alberts Empfehlung resultiert aus deinem fragilen Zustand in dieser Frage«, formulierte Eva als Erklärung, »und spiegelt ebenso unsere allgemeine Überzeugung Rücksicht zu üben. Wir strebten, erst noch mehr Daten sammeln, die auch dir Gewißheit geben sollen. Und nun zieh dir endlich deine Uniform an«, forderte sie, während er sich bereits seiner Kleidung zuwandte, eilig Unterwäsche und die Teile der Uniform überstreifte, »ehe du noch schwärzer als schwarz siehst, und das nur, um recht zu behalten.«
»Du unterstellst mir Rechthaberei?« empörte er dich.
»Keinesfalls«, wehrte sie ab. »Nur Mißbrauch einer Schutzfunktion, vielleicht sogar der Liebe.«
»Und was bedeutete unsere Liebe für dich?« schlug Adam zurück.
»Wie hast du am Anfang gesprüht vor Enthusiasmus«, erwiderte sie statt einer Antwort, »und alle mitgerissen. So habe ich mich in dich verliebt“.
»Und ich konnte nicht widerstehen«, bekannte er, was sie sich in innigen Momenten unzählige Male gestanden hatten. »Aber dann ist irgendwann das geschehen, dessen Abfolge ich nicht benennen kann: Hat der Zweifel an unserer Mission solchen an unserer Liebe ausgelöst oder umgekehrt? Liegt die Ursache in meiner Vergangenheit oder in unserer Gegenwart oder resultiert sie aus der Ungewißheit unserer Zukunft? Bin ich zu schwach oder sind die Zahlen der Tage und Jahrtausende zu mächtig? Ich habe lange darüber nachgedacht und die Wahrheit vor mir selbst verleugnet. Vielleicht reicht meine Motivation, den Messias zu spielen, nicht aus. Ja, es war Flucht, Flucht vor der Wirklichkeit der Erde, vor den Menschen und ihrer Niedertracht, die mich zur Teilnahme an diesem Unternehmen motivierte. Banal, nicht wahr«.
Ihr Blick forderte ihn auf weiterzusprechen. War er doch der international führende Kopf der Idee eine zweite Erde zu suchen gewesen. Jetzt aber hob er nur resigniert die Schultern. »Ich gebe zu, die endlose Suche hat mich ermüdet, und es geht nicht allein mir so. Für uns sind nur vier oder fünf oder sieben Jahre Lebenszeit verstrichen. Was wäre die nächstfolgende Fibonacci-Zahl? Heimatlos verdrängen wir doch alle die Wahrheit unseres Zustands, und wir werden heimatlos bleiben ohne Nachricht von der Erde…, wenigstens dieses letzte, fragile Band. Vielleicht existiert sie gar nicht mehr, und wir wissen es nicht, werden es niemals erfahren. Aufgebrochen waren wir, eine neue Menschheit zu begründen, uns selbst neu zu erfinden. Nun auf einmal erweisen wir uns als schwankend, beherrscht von unseren Widersprüchen. Wird dieser Makel der Geburtsfehler der neuen Menschheit sein?«
»Wir müssen zusammenhalten. Unter starker Führung, werden auch die Schwachen sich auf ihre Kraft besinnen. Immer war es eine starke Persönlichkeit, die die guten Geister wachrief oder die des Untergangs!« begeisterte sie sich mit der Kraft einer Prophetin. »Laß die Vergangenheit ruhen. Quäle dich nicht mit Zweifeln. Gestern ist gestern und morgen ist heute; ein wunderbarer Planet erwartet uns«.
»Schöne neue Welt, mal anders«, spottete Adam seiner eigenen Schwäche. Er legte den Arm um sie. »Komm, die anderen werden uns erwarten“. Im Gleichschritt überwanden sie die vier fünf Meter bis zum Eingang der Wohnzelle. Das Türblatt gab den Weg frei. Der Korridor tat sich auf. Einer nach der anderen traten sie hinaus, gingen nebeneinander her ohne sich zu berühren und genossen doch die Nähe des anderen. Zeit, Zeit, Momente des Gebens und des Empfangens. Wie lange war das her? Der unvergleichliche Reiz des Neuen, übergehend in die Sicherheit des Gewohnten, Geborgenheit des Vertrauten. Zeit, Zeit. Sie maßten sich die Herrschaft über sie an und waren ihr doch ausgeliefert. Gab es die Menschheit noch auf der Erde? Alle Erinnerung war ausgelöscht, alle Fragen und Antworten. Draußen die Schwärze und keine Antwort. Die große Leere. In ihr immerhin eine mandarinengroße Sonne. Durch die Folie der Wände hätte man hineinfassen können, prüfen, ob sie echt war. Gab es noch Mandarinen auf der Erde und Menschen, die sie verzehrten? Sagten sie zwischen zwei Bissen die Wahrheit oder logen sie sich weiterhin von Halbwahrheit zu Halbwahrheit vorwärts? Wie hältst du es mit der Wahrheit? Peng, eins auf die vorlaute Schnauze. Heinrich, mir graut vor dir. So soll es auch sein, mein Gretchen. Das Grauen bestimmt die Welt, ohne Grauen kein Fortschritt, ohne Fortschritt kein Wohlstand, ohne Wohlstand kein Sternenschiff und keine Illusion zwischen Raum und Zeit, zwischen gestern und morgen, ewiges Heute, seliger Stillstand anstatt zu versinken im leidigen Fluß der Zeit und nicht zu wissen, was die Zukunft bereithält, Wahrheit oder Lüge, Ohnmacht oder Macht. Macht worüber? Über die Ohnmacht der Liebe. Da hatte er die Hoffnung verloren, angefangen zu zweifeln, an der Möglichkeit kathartischer Erneuerung. Eine Taufe im ewigen Fluß der Wahrhaftigkeit, gestärkt durch die Dunkle Energie des Seins. Draußen herrschten Schwärze und eine apfelsinengroße Sonne. Albert behauptete, sie würden sich bewegen. Eine kosmische Südfrucht lieferte die Wahrheit. Konnte eine KI lügen? Nicht erst seit der dreizehnten Generation konnte sie es. Ist dreizehn eine Fibonacci-Zahl? Effizienz und Perfektion – das Wesenselement von KI: Perfektion, Schönheit und Glück.
»Woran denkst du?« fragte Eva
»An Harmonie und Wahrheit«, erwiderte Adam. »Ich mißtraue Albert«.
»Wie paßt das zusammen?«
»Dialektisch. Ich werde ihn töten«.
»Großartig«, sagte sie. »Wie tötet man eine KI?«
»Indem man ihre Anbeter tötet«.
»Adam, mir graut vor dir«.
»Mir auch«, sagte er und gab der Leere in sich einen Namen, ihren Namen. Soeben erreichten sie den Eingang zur Zentrale. Für einen freundschaftlich zärtlichen Kuß hielten sie einen Moment lang inne. Eva legitimierte sich als Kommandantin, die Sperre glitt zur Seite, sie traten ein.