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Leichentücher-Norbert Thürich
Norbert Thürich
»Leichentücher«

»Sich selbst Feind. Sind es Fahnen der Kapitulation, die da unter fahlen Himmeln flattern oder doch eher Leichentücher? Für wen gewebt, von wem? Den Teppichwebern von Kujan Bulak kann man sie schwerlich zuschreiben, den Schlesischen Weber auch nicht. Ihre Schöpfer haben die Welt nicht verbessert. Wie auch, da sie nicht verstanden wurden. Fragen fanden keine Antwort, Gewißheiten keine Fragen, Gebete kein Ohr. Lautlos sind sie dahingeschwunden. Wer bedeckte gnädig das Antlitz des Letzten?«

D e r  Z e u g e

– Hörst du mich?    – Wer bist du?
– Ist das wichtig?.    – Bist du Freund oder Feind?.
– Ich bin dein Toter.    – Übertreibst du nicht ein bißchen?
– Inwiefern?    – Tote können nicht sprechen
– Ich bin die Summe aller Deiner Opfer
– Was erklärt das?
– Nichts. Laß uns gehen
– Wohin?
– Nirgendwohin
Der Fliehende zögert. Er rafft den Mantel fester um sich, fühlt mit den Fingern die Schäbigkeit des Tuchs, und ihm wird klar, alles ist vergebens. Sie sind ihm auf der Spur, unerbittliche Verfolger. Der Unsichtbare wird ihn ausliefern. Er schickt sich an umzukehren, seiner eigenen Spur zu folgen.
– Weshalb vertraust du mir nicht?    – Weil es dich nicht gibt.
– Willst du den Gegenbeweis?    – Nein
– Das habe ich erwartet.    – Was willst du?
– Dich begleiten.    – Mehr nicht?
– Nein.    – Nur so?
– Ich will achtgeben, daß dir nichts geschieht.    – Warum?
– Weil dein Ende süß sein wird
Der Sand knirscht unter seinem Schritt. Nur diese eine Fährte führt zu ihm her. Er hat es aufgegeben, sie zu verwischen. Manchmal hat er den Weg über blanken Fels gewählt. Dennoch blieben sie ihm auf den Fersen. Er hat sie nie gesehen, nie gehört. Aber er weiß es. Sie sind unversöhnlich. Er wäre es auch, nach so vielen Toten. Er wäre es schon nach dem ersten. Ist es dieser? Die Frage ist so sinnlos wie der Versuch, die Verfolger abzuschütteln. Er hat sich nie bemüht, sie auch nur in die Irre zu führen. Das wäre würdelos. Warum stellt er sich ihnen nicht? Eben darum. Er sucht einen würdevollen Tod, einen, der seiner angemessen wäre. Allein deshalb lebt er noch. Es gibt keinen Ausweg. Er setzt sich in den Sand. Den ehemals königlichen Mantel nimmt er von den Schultern, rollt ihn, gewesenes Signum der Macht, zu einem Knäuel zusammen und schiebt es sich in den Rücken. Längst ist das Rot des Purpurs geschändet vom Schlamm reißender Flüsse; der weiße Hermelin wirkt räudig, verklebt von Schweiß und Staub die diamantbesetzten Kordeln. Inmitten der Einöde ist er jetzt unsichtbar. Sand und Fels betten ihn ein in andere braungelbe Nuancen. Wenn er hier liegen bliebe und stürbe, wäre es, als hätte er nie existiert. Vielstimmig lacht sein Toter. Er schaut um sich und entdeckt einen Schatten in der zerbrochenen Landschaft, Schatten wie das Echo vergangenen Lebens, Schatten wie ein Fenster in die Nacht.

– Bist du das?
Es erfolgt keine Antwort.
– Wie ist es dort drüben?    – Es ist nicht beschreibbar, nicht einem Menschen.
– Sehnst du dich zurück?    – Nein.
– Willst du Rache üben?    – An dir? Das lohnte nicht.
– An wem dann?    – An deinen willigen Vollstreckern.
– Sie sind nicht zu sehen.    – Ich habe Zeit.
– Die meine ist abgelaufen.    – Der Tod hat nichts Entsetzliches.
– Das sagst du. Was erwartet mich?    – Die Schmerzen, die du mir zufügen ließest, nichts Aufregendes also.
– Ich will weitergehen.    – Deine Verfolger haben aufgegeben.
– Warum taten sie das?    – Ich habe deine Spur verwischt.



E N D S T A T I O N  K A R T H A G O

Futuristische Miniatur

 Obwohl kein fester Termin benennbar wäre, irgendwann war es soweit. Der Übergang von einer Qualität in die andere geschah schleichend, jedoch konsequent und über ungezählte Generationen hinweg. Auch ein Ort, wenn er denn als Ausgangspunkt Bedeutung hätte, wäre längst verloren und namenlos, die Jahreszahl vergessen. Denn es gibt niemanden mehr, der die Winter und die Sommer zählt, den Orten Name und Bedeutung verleiht. Sie waren unterschiedslos geworden wie die verbleibenden Menschen, eine lächerlich geringe Anzahl.
 Nach dem unerbittlichen Gesetz des Stärkeren hatte die Ratte die Herrschaft übernommen und den Menschen aus der Stadt vertrieben, aus dieser wie aus allen anderen auch. Bergeshoch blockierte Müll die Straßen, füllte U-Bahnschächte, Flüsse und Seen, Parks und Sportstadien. Aus der Tiefe stiegen tödliche Dünste. Der Mensch, von Krankheit und Degeneration gezeichnet, hatte auch noch die letzte Bastion aufgegeben und wollte - suchend in wirren Phantasien die Wälder des Paradieses - dahin fliehen von wo er einstmals vor hunderttausenden von Generationen aufgebrochen war.
Um des Überlebens willen, schufen sich die Überlebenden einen neuen Glauben, der ihr Schicksal rechtfertigte und verherrlichte. In handbeschriebenem Palimpsest kursierte ihr Manifest, besang den heroischen Weg des Menschengeschlechts, das nun, den Gesetzen der Natur folgend, an seinen Anfang zurückgekehrt sei. Nur wenige exorbitante Geister kannten die Wahrheit und reichten sie mündlich an ihre Nachkommen weiter. Die Schwachen unter ihnen zerbrachen daran. So reduzierte sich die Zahl des Homo sapiens sapiens weiter bis auf wenige Unerbittliche. Die lagen nachts auf hartem Lager und konnten nicht vergessen woher sie kamen.
 Vertrieben durch die Neu-Gier aus dem Paradies der Wälder hinein in die karge Savanne, umgetrieben über Gebirge, Wüste und wieder Gebirge, durch Sumpf Fluß hin zu den Küsten des erkenntnisgebärenden Kontinents, fanden sie auch dort keinen Frieden. Sie ignorierten die Erkenntnis, Wissen sei Verantwortung und übten Macht über andere. Sie folgten Verführern, allzu selten wahren Führern und noch seltener Propheten. Sie ließen sich verführen aus den Wäldern hin zu den Küsten, über die großen Wasser, zu vermeintlich neuen Ufern. So verloren sie einander aus den Augen.
Irgendwann trafen die Ströme der einstmals Ausgezogenen wieder aufeinander und erkannten sich nicht mehr als ihresgleichen. Die Überlebenden dieses Unvermögens wurden seßhaft, bauten Städte, verließen sie, um andere zu erobern, wateten knietief im Schlick von Leichen, kehrten schließlich aus vernichtenden Feldzügen geschlagen zurück und fanden ihre Stadt gerade noch bewohnbar vor. Daraus lernten sie nicht genug, führten nun weiterhin Krieg gegeneinander, ein jeder gegen jeden und gegen sich selbst, erfanden sich endlich künstliche Götter, um all ihr Elend zu rechtfertigen. Das ging ein paar hundert Generationen lang gut. Dann hatte sich die Idee mit den Götzen erschöpft. Die Gleichgültigkeit allzu ferner Nähe fiel wie eine Epidemie auf die Menschen und dezimierte wahllos ihre Zahl. Ohne Widerstand erduldeten sie das Elend, sprachlos im Lärm der Stadt, von ihrem grellen Licht geblendet.
 Als sie so selten geworden waren, daß sie nunmehr einander suchen mußten, zogen - verfolgt vom höhnischen Pfeifen der Ratten - die letzten Überlebenden wiederum fort. Wort- und blicklos nahmen sie einander zum ersten Mal seit fünfzigtausend Jahren bei der Hand. Sie wollten sich das Paradies erneut gewinnen, erhofften sich Heimkehr. Jedoch die Wälder waren verschwunden, die Meere stanken und der Schnee auf dem Gipfel der Berge schimmerte grau. Das war schade, befanden sie sich doch seinerzeit abermals nur noch einen Schritt vom Zustand jener Unschuld entfernt, den die Unwissenheit erzeugt. Sie hätten wiederum eines Propheten oder einer Prophetin bedurft. Da sie ihn oder sie in der Endlosigkeit der Steppe nicht antrafen, vegetierten sie weiterhin unter kalten oder heißen Himmeln, starben freudig und gebärten freudlos. Manchmal kehrten sie in die verfallene Stadt zurück. Zu essen fanden sie nichts, auch keine Wärme. In den Straßen pfiff der Wind mit den Ratten um die Wette. Aus verfallenen U-Bahnschächten bliesen deren Wächter Alarm. Zwischen den Mauerresten der Häuser und Tempel blühte, unter kranken, blassen Gewächsen, hier und da furchtbare Stille.
Die Menschen beherrschten nicht mehr die Kunst des Wortes noch die des Bildes, um sich des Grauens zu erwehren. Allein die Gier und die Verzweiflung waren stärker und trieben sie in Ruinen, auf mächtigen Fundamenten erbaut. Innerhalb der ewigen Mauern erhofften sie sich Schutz vor Regen und Wind und sengender Sonne. In den Ecken lagen, von Ratten zernagt, Bücher. An den Wänden hingen Gemälde verschollener Epochen. Fetzen blätterten ab, Risse durchzogen sie. Desungeachtet und deren abgestumpfter Sinne, riefen sie in den Suchenden doch schwache Erinnerung wach, mahnten, selbst in ihrem kläglichen Zustand, sie noch immer. Die Zeichen und die Bilder flüsterten zu den Tauben und Blinden um Erlösung vom Bannfluch des Papiers und der Farbe. Doch draußen heulten der Wind und Ratten in der Größe von Wölfen. Drinnen tanzten ihre Jungen, behängt mit nachgelassenem Flitter, ausgelassenen Reigen. Die Herren der Welt übertönten die verzweifelte Stimme der Poesie. Gewaltige Blitze zuckten über das Firmament. Aber die Menschen hatten deren Sinn und die Freude verlernt.



Die überflüssige Kreatur

Spätestens seit 1989, fünf Jahre nach Orwell, erweisen sich alle klassischen, literarischen Ansätze des Revoltierenden, Aufbegehrenden, des idealistischen Menschen als hinfällig. Menschsein bedeutet vor allem Konfliktfähigkeit, bedingt durch die Freiheit, Konflikte auszutragen. Es sind immer Diktaturen, personelle, solche des Glaubens, die des Geldes oder anderer Ideologien, die den Menschen vereinzeln. Im derart entmenschlichten Organismus der Gesellschaft wirkt das Individuum mit seiner Fähigkeit zu lieben, zu leiden, die Wahrheit zu suchen, störend und wird behindert, ausgegrenzt, vernichtet. Die Gesellschaft der Vereinzelten und Vereinsamten ideologisiert Individualismus zur höchsten Tugend des Massenmenschen: - welch ein Widerspruch! -. Weniger ist mehr! Nicht wie notwendig setzt sein tausendfältiges, kompliziertes Beziehungsgefüge zu anderen Menschen und zur Welt Maßstäbe, sondern, tausendfältig vervielfacht, eine degenerierte, narzistische Imitation des Großen Bruders. Der Mensch ist überflüssig geworden. Dialektisch untrennbar damit verbunden verläuft die technologische Entwicklung. Die abendländische Ideologie, das Machbare auch zu tun, erkämpft sich die Herrschaft über die Welt. Die Produktivität wird ins Un-Menschliche gestei-gert. Im Krieg um den Konsumenten sind Billiglohnländer die Wunderwaffe der Macht. Ozeanien gegen den Rest der armen Welt. Wie macht man dem Individuum den Wahnwitz glaubhaft? Künstliche Medien und Kunstwelten schaffen ihm Sinnersatz. Orwell läßt endgültig grüßen. Wir brauchen keine Gedankenpolizei: Reizüberflutung ruft dramatische Veränderungen in der menschlichen Gehirnstruktur hervor. Zum ersten Mal seit einer Million Jahren passt es sich nicht mehr an, sondern verweigert sich. Fürs Konsumieren der Surrogate reicht es allemal und für die Liebe zum Großen Bruder auch. Derweil steht die Umwelt als Ergebnis des totalen Krieges am Abgrund der totalen Verschmutzung. Schwerer noch wiegt der Zustand ideeller Umweltverschmutzung durch Vierundzwanzigstunden-Haßkonsum. Ihm zu parieren erforderte den mündigen Menschen, den in seinen tausendfältigen, ungebrochenen Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt existierenden. Nie war er so wertvoll wie heute. Die Diktatur des Geldes, des Glaubens, des Fortschrittswahns hat ihn gleichgeschaltet.. Es steht nicht zu erwarten, daß der durchschnittliche Ozeanier 1994, 2004,2014, 2024 oder 2224 dieser Beschaffenheit entrinnt. Ich liebe den Großen Bruder!

von
Bernd Ulbrich


Der Krieg der Ratten

Eines Tages hatten die Ratten gesiegt. Ihr Triumph kam nicht von ungefähr und doch überraschend. Endlich waren sie Beherrscher der Städte. Der letzte Mensch, von Krankheit gezeichnet, mit vergiftetem Organismus, hatte die allerletzte der Siedlungen aufgegeben. Berghoch blockierte Müll die Straßen, füllte U-Bahnschächte, Flüsse und Seen, bedeckte die Fläche von Parks und Sportstadien. Aus seiner Tiefe stiegen tödliche Dünste auf. Rattengifte sublimierten in zierlich filigranen Mustern an Regenrinnen und Fenstersimsen, kondensierten unter Klosettdeckeln und kristallisierten an den Verdampfern der Kühlschränke, solange die Kraftwerke noch Strom lieferten. Die Ratten hatten den ausgeklügeltsten chemischen und gentechnologischen Vernichtungsstrategien widerstanden und sich zu ihrem Vorteil entwickelt. Verändert hatte sich auch der Mensch - zu seinem Nachteil. Daran war der größte Teil gestorben. Der Rest verzog sich in Einöden. Als der einsame letzte Verteidiger der menschlichen Zivilisation Zuflucht bei ihnen suchte, empfingen sie ihn mit Steinen und Keulen. Das Boot war voll. Verzweifelt, von unbändigem Überlebenswillen erfüllt, schloß der Nachzügler einen Pakt mit den Ratten. Er diente sich ihnen als Spion an. In Erwiderung seiner Leistung verrieten sie ihm Quellen mit sauberem Wasser, führten ihn zu geheimen Lagern mit nichtkon-taminierten Nahrungsmitteln, bereiteten ihm schließlich Extrakte, die seinen verseuchten Leib reinigten. Die Geschwüre heilten ab, das Haar wuchs aus der kahlen, nicht mehr grindigen Kopfhaut. Nur die Potenz wollte sich partout nicht regenerieren lassen. Als er soweit wieder hergestellt war, luden die Ratten ihn zu einem Symposion ein, mit dem sie die historische Rolle des Menschen bei der Rattenwerdung zu würdigen gedachten. Es war eine großartige Veranstaltung. Die weisesten der Rattengeister waren voll des Lobes auf den menschlichen Eigennutz, auf den Dünkel und die Ignoranz des Menschengeschlechts. Man verabschiedete ein Kommunique, in dem es unter Berufung auf den Begründer der rättischen Philosophie hieß: Jede Gesellschaftsformation bereitet in ihrem Schoß den Typus vor, der sie dereinst ablösen wird. Diese These habe sich glänzend bestätigt. Unter starkem Beifall richtete der menschliche Gast einige Worte an das Auditorium. Er warb um die historische Gerechtigkeit der Sieger der Geschichte. Auf seine hu-manistische Initiative hin beschloß man eine Grußadresse an die Menschen, verbunden mit dem Angebot zur Zusammenarbeit bei der Verteidigung ihrer Reservate gegen Mäuse, Kornkäfer und andere Schädlinge.

von
Berenice H. Cirbul



Wende, was für ein großes Wort

Mono-logischer Dialog aus dem Jahre um 12.000 p. P. (post Pilatum)

Mein Guter, ich kann nicht umhin, Ihnen wenigstens teilweise zuzustimmen,. Sie sind ein in diesen Dingen sicherlich versierter Mensch. Indessen gebe ich zu bedenken, daß der Begriff der Zeitenwende nur als ein rein rechnerischer Ausdruck verstanden werden kann. Sie beharren darauf. Aber was wollen Sie damit beweisen? Sicherlich, man kann Irrtümer korrigieren. Aber wenn man selbst der Irrtum ist? Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden. Ich meine das keineswegs zynisch. Der Mensch als solcher ist keineswegs ein Irrtum. Aber über Jahrtausende waren es alle seine Bestrebungen, eben weil es Begierden waren. Auch wenn Sie den Terminus des Menschenopfers einführen, macht es die Tatsachen um nichts besser. Eine Wende – zurückkehren wohin, mein Bester? – hat niemals vor unserer Ära in der menschlichen Geschichte stattgefunden, in Einzelereignissen, vielleicht, und dazu mögen Opfer nötig gewesen sein. Aber in dieser Dimension erscheint mir der Ausdruck Menschenopfer nicht angemessen. Zumal, es ist ein anrüchiges Wort, Verehrtester, und bleibt es. Da können Sie deuteln wie Sie wollen. Sie bestehen auf dem Nutzen und auf der Notwendigkeit? Mich macht das Wort schaudern. Unvorstellbar, daß jemals Menschen sich einer Idee wegen sollten geopfert haben. Ich gebe Ihnen allerdings recht, hochgeschätzter Nachbar, in Ihrer Forderung nach Freiwilligkeit. Was sollte man nun als verwerflicher bewerten, diese oder den Zwang dahin? Sie meinen, es existierte keine Alternative? Nun ja, man sollte sich vielleicht aller Spekulation enthalten. Die Dinge sind wie sie sind. Wir heute können uns freilich zu solcher Nonchalance bekennen. Schließlich existierten die Menschen nicht immer so frei von aller Not und allem Besitz – den geistigen Aspekt immer eingeschlossen – wie heutzutage. Ich meine allerdings, die Menschheit wäre auch ohne dieses gräßliche Wort dahin gekommen, wo sie gegenwärtig ist. Natürlich stimme ich mit Ihnen darin überein, daß Fanatismus, ob er sich nun religiös oder politische gerierte, eine Krankheit darstellte und nicht in Verbindung mit dem Begriff des Opfers gebracht werden darf. Aber Sie wollen auf etwas Bestimmtes hinaus, nicht wahr? Nun lassen Sie mich nicht raten. Ich kenne meine Defizite. Ohnehin, wenn der Einwand gestattet ist, sollte man mit dem Ausdruck seiner Bildung bescheiden umgehen. Ich gebe ja zu, Sie haben mir etwas voraus. Nun ja, schließlich sind Sie hundertzwanzig Jahre älter als ich. Aber auch mein Kopf ist noch ausgesprochen intakt. Mit Ihnen nehme ich es allemal auf, zumal mir der Disput mit Ihnen stets außerordentliche Freude bereitet. Natürlich haben Sie vollkommen recht, Großartigster, den hehren Begriff des Menschenopfers von allem religiösen und politischen Verirrungen und jeglichem gefühlsbeladenen Extremismus zu trennen, und ihn nur in Zusammenhang mit gewaltloser Erneuerung oder der Verteidigung der Menschenrechte zu gestatten. Auch ohne Wende. Belassen wir es doch bei Höhepunkten. Da gibt es meines Erachtens nicht viele im Verlaufe der menschlichen Geschichte, und gar nur von einem Höhepunkt zu reden, wie Sie soeben zu extemporieren beliebten, halte ich, mit Verlaub, für ein wenig vermessen. Das ist durchaus keine Beliebigkeitserklärung. Da tun Sie mir unrecht. Sicherlich - nun rennen Sie offene Türen ein - waren es immer einzelne Persönlichkeiten, die den Verlauf der Geschichte maßgeblich bestimmten. Ob sie sich selbst in der Opferrolle sahen, steht dahin, Menschen mit oder ohne Amt, mit oder ohne Titel, von niederem oder hohem militärischem oder geistigem Rang? Werden Sie doch nicht ungeduldig, mein Bester. Nichts drängt uns. Ein Höhepunkt, nun ja, Wende. Was treibt Sie zu derartigem Eigensinn?
Haben Sie, vielleicht den Zusammenbruch des Ayatollahgroßreichs im 4. Jahrtausend und die Besinnung des Islam auf seine Wurzeln, Allah sei gepriesen! Im Auge? Das war 2278? Aha. Wenigstens diese Zahl sollte man..? Was sind Zahlen, mein Guter, was Jahre, im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen? Ich soll kein philosophischer Spielverderber sein und bei der Sache bleiben? Verzeihen Sie die gedankliche Vignette. Sie reflektieren wahrscheinlich auf den Zusammenbruch der marsianischen Aggressionspläne. Die Charta wurde, lassen Sie mich rechnen, unterzeichnet, ich glaube um das Jahr 4.000. Auch nicht, und es war 4.522 und allein durch glückliche Umstände erzeugt und nicht etwa durch Aufopferung im direkten oder übertragenen Sinn. Was ich sagte! Haben Sie gar den Untergang des Scientologen-Imperiums im Jahre 5.000 im Auge? 6001? Himmel, seien Sie doch nicht so kleinlich! Damals endlich, nach 2.000 Jahren... 2128, gut, gut! ...verderblicher Herrschaft begriffen die Menschen Nordamerikas, Sie meinen ernsthaft, von denen hätte man es nicht zu hoffen gewagt? daß sie dem Untergang entgegensteuerten. Shiva ist unendlich! Man könnte unter Umständen jenen Moment, da der Krieg mit den Gromanten aus dem Sternbild Zeta Reticuli in der Schlacht bei den Dunkelwolken sich zu unseren Gunsten wendete, mit diesem Begriff in Verbindung bringen. Die irdische Raumflotte hatte hohe Verluste zu beklagen, konnte jedoch, wie ein König namens Fritz, glaube ich, es wohl – ich muß da Ihrer Erinnerung vertrauen - irgendwann einmal treffend formuliert haben soll, das letzte Regiment, die letzte Flottille in die Schlacht werfen. So war der Sieg unser und keiner des Pyrrhus, wie Sie mir einmal erklärt haben. Jenes Ereignis geschah vor 2.000 Jahren schätze ich. Vor 4.305? Na bitte, wenn Sie es sagen. Rücken Sie ein Stückchen, mein Allerbester. Auch für mich ist auf Ihrem Lieblingsfelsen noch Platz. Ich bin nicht mehr der Jüngste, und die Götter haben mir das Gliederreißen beschert. Mein Baumhaus ist Zephirs Winden ausgesetzt. Ja, wenn ich eine so komfortable Höhle wie Sie bewohnte, dann hätte ich etwas Besseres zu tun, als sie mit alten Büchern vollzustopfen. Was für eine seltsame Obsession. Wer hat Sie überhaupt gelehrt, sie zu lesen? Ich war der Meinung, diese Kunst sei längst in Vergessenheit geraten, abgelegt zu den übrigen Irrtümern der sogenannten Zivilisation. Diente nicht die Schrift lediglich der Unterdrückung der Mehrheit durch eine Minderheit von Meinungsmachern? Sie nannten sich Intellektuelle? Wie anmaßend! Wahre Gleichheit beginnt im Geiste ohne das geschriebene Wort zu benötigen. Hieß es nicht irgendwo, der Herr sprach? nicht, er schrieb. Das tausendjährige globale Reich der Gerechtigkeit ist endlich Wirklichkeit geworden, ohne eigenbrötlerische Schriftgelehrte wie Sie. Das goldene Zeitalter... Was sagen Sie, es gab schon einmal ab dem ersten Drittel des 2. Jahrtausends post Pilatum, wie Sie sich auszudrücken belieben, ein Tausendjähriges Reich in der Mitte Euro-pas, ein großgermanisches? Davon höre ich zum ersten Mal, obwohl mir die Stammesbezeichnung natürlich geläufig ist. Angesichts dieser degenerierten Restbestände auf dem rechten Rheinufer halte ich das indessen für sehr unwahrscheinlich. Die können doch bis heute keine anständigen Croissants backen, noch ergreifende Oden auf vergangene Tiefpunkte der Geschichte dichten. Die sollen in einem gewaltigen Krieg die halbe Welt erobert haben und nach ihrer Nieder-lage in zwei Teile aufgespalten worden sein? Sie meinen, diese Teilung hätte ein halbes Jahrhundert angedauert? Dann sei durch eine friedliche Revolution, eine Wende eingetreten, ein verbrecherisches Regime hinweggefegt worden, weil Menschen sich geopfert hätten? Angesichts deren Nachkommenschaft darf ich das bezweifeln. Ohnehin war es wohl nichts weiter als Halbheit, da sie nur eines ihrer zwei verbrecherischen oder unfähigen Regimes beseitigten. Woher ich bei meinem Bildungsstand die Gewißheit nehme? Es ist ein naheliegender Schluß, mein Freund. Hätten jene wirklich unter Opfern ein großartiges Neues aus zwei verkommenen Teilstücken geschaffen, hätten Sie mir die Einzelheiten davon doch längst in die Suppe gebrockt, zu der Sie mich nachher hoffentlich einladen werden. Sollten Sie wieder Ihr Feuer haben verlöschen lassen, werde ich Ihnen selbstverständlich mit ein wenig Zunder aushelfen. Ich bitte Sie also, was daran ist erwähnenswert, da die Ereignisse offenbar anschließend im Nebel der Geschichtslosigkeit verschwanden? Ich erinnere mich nur einer einzigen Gelegenheit, bei der die Erben solcher fragwürdigen Mentalität sehr viel später noch einmal unangenehm in Erscheinung traten. Was Wunder bei einer solchen Vergangenheit! Man hätte sie aufgespalten lassen und sie alle kastrieren sollen. Wotan vergib mir! Dann hätte später nicht, wie die Legende sagt, unter unseliger germanischer Führung der Mars besiedelt und uns ein halbes Jahrtausend, gut, gut, 620 Jahre darauf mit Krieg gedroht werden können, weil sie angeblich Lebensraum brauchten. Marduk sei Dank, sind sie irgendwann dort oben alle ausgestorben. Sie haben sich selbst ausgerottet mittels mangelnden Humors? Auch gut. Lassen Sie uns den kosmischen Frieden genießen und einen Vers aus dem Atharwaweda rezitieren. Der Mensch hat zu seinen Ursprüngen zurückgefunden, El-eljon sei gepriesen, ganz ohne Menschenopfer. Alles andere ist, nebbich, ohne Bedeutung. Wie lautete der Anfang doch gleich? Nun holen Sie schon das verdammte Buch, ehe die Sonne untergeht.



Der Schwimmer

Bis hin zu ihm in die Tiefe des Waldes drang auf geheimen Kanälen die Unruhe aus den Städten und Dörfern entlang des Flusses, getragen von Schwingungen, die, fast unmerklich, das Spektrum des Sonnenlichts ins Rot verschoben und das Mondlicht fragmentierten, so daß sein gütiges Antlitz sich zur Fratze verzerrte; unscheinbar unter der Maske des Biedermannes stand sie groß und rötlich drohend überm Firmament als Menetekel der kommenden Katastrophe. Aber niemand nahm die Zeichen wahr. Das ahnende Talent war verloren gegangen, seitdem die Rechenkünstler den Menschen die Zukunft versprachen. Niemand fand den Weg zu ihm, dem Ahner und Deuter. Niemand kam und fragte ihn um Rat. Ohnehin wäre es zu spät gewesen, vielleicht, vielleicht auch nicht, für dieses Mal jedenfalls. Aber es würde ein nächstes Mal geben und ein übernächstes. Die Natur war ein rachsüchtiger Gott und forderte nun Opfer für die mangelnde Demut, die Blindheit und den Egoismus.
 Wie lange war es her, daß ein Mensch sich zu ihm verirrt hatte? Er brauchte sie nicht, nicht brauchten sie ihn. Wer auf wen mehr verzichten konnte, das war hier die Frage. Aber niemand stellte sie. Die Waldhüter schlugen einen Bogen um die Hütte und das Geviert des Gartens. Diese einfachen Menschen munkelten von Zauberei. Denn der Überfluß an Frucht erschien ihnen verdächtig und erfüllte sie mit Neid. Nie verheerte der Sturm das Haus des Einsiedlers, niemals schlug der Blitz ein. Verhöhnt und verflucht von den Besserwissern hatte er seinerzeit die Gabe des ahnenden Wissens mitgenommen. Was blieb ihm übrig? Wem hätte er sie anvertrauen können? Zahnlos ausspuckend erinnerten sich seiner noch allein die ganz Alten und wußten, wenn ihr Haus brannte oder der Baum aufs Dach gestürzt war, was der in seinen Namen gekleidete Fluch bedeutete. Auch wenn das Wasser kam, fluchten sie seiner, wenn die Kuhherden starben oder das Kind erkrankte, und die Ärzte nicht zu helfen wußten. Oh, er ahnte viel, zuviel. Laßt dem Fluß seinen alten Lauf, hatte er gemahnt, gebt dem Vieh gesundes Futter, rodet nicht die Wälder. Achtet der Natur, seid bescheiden. Baut nicht eurer Haus auf dem Grund, der dem Fluß gehört. Erzieht eure Kinder in Liebe, zu Gehorsam und Widerspruch. Sie hatten ihn verlacht. Ihr Acker brachte kranke Frucht hervor. Ihr Vieh wurde unfruchtbar oder warf Junge mit zwei Köpfen. Die Kinder wurden erwachsen ohne Kenntnis der alten Mythen, ohne Kenntnis der Zauberkraft des Willens. Sie verlachten die Götter der Träume und erhoben sich selbst zur Gottheit des Ich. Sie wurden blind, ohne es wahrzunehmen. Leere entstellte gleich dem Aussatz ihr Gesicht. Die kommende Flut drohte wie das Fieber mit Ausmerzung der Krankheit. Was ging das ihn an? Sollten sie sterben. Waren seine Tage gezählt? Sie sind es von Anfang an. Noch war nichts entschieden. Das Fieber heizte sein Gedärm und verlieh dem Denken hellsichtige Momente. In ihnen offenbarte sich der Dank der Toten für die Mühe, die er sich gemacht, ein Mensch zu werden. Er ahnte, wußte viel, aber noch nicht genug. Ein Leben reichte nicht aus, all die Neugier zu befriedigen. Was kam nach dem Tod? Er wollte das Fieber seiner Neugier in die Welt verteilen und seinen Willen messen mit der Gewalt des Flusses.