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»Anbetung des Schattens«

Schatten beten sie an, die blicklosen, aug--amputierten Selbstsucher und treten doch immer nur auf den eigenen. Geblendet vom schrillen Ton der Siegesfanfaren, ankündigend Heilsbringer und falsche Propheten, schreien sie sich die frohe Botschaft in taube Ohren, werfen sich in den Kot vor Schattensilben, Schattenphonemen, Schattenbuch--staben, krümmen sich zu deren erhabener Form in Bodoni und Verdana, möchten selbst zu Schatten werden, um, der eigenen Substanz ledig, endlich als Nichts den Kosmos auszufüllen. Darunter tun sie`s nicht. Das Licht der Erkenntnis bedeutet ihnen nur ein Ärgernis.

»Die drei Leben des Alexander D.«

Roman

Textprobe:

Schlagartig schien fern im Haus Leben zu erwachen. Noch schlaftrunken schreckte Alexander hoch: Aus dämmernder Erinnerung, das Bild der Opfer; halb Wahn und halb Vision die Glücksfragmente. Die Uhr stand auf halb sechs, zu früh, schien ihm, für diesen Tag des Abschiedsnehmens, zu früh, um schon Bilanz zu ziehen, Soll und Haben der Gefühle zu beziffern. Traumselig schweifend verlor er sich, ungeachtet der Verluste. Die der Sternendämon dennoch für ihn zählte: Vorbei die Treffen mit Marianne auf der Waldburg, vorbei die Zeiten heimlichen Triumphs der subversiven Liebe, verklungen und verloren die Warnungen der toten Ritter.

Nur das Rieseln des Staubs hallte noch auf wie ein fernes, kosmisches Rauschen und die Mahnungen des zu früh verstorbenen Vaters aus dem Traumgesicht. Er drehte sich auf die Seite und seufzte ganz unmilitärisch: Mahagoniefarbener Klang aus Kindertagen ereilte ihn; der Geruch von Friedhofserde, des frischen Holzes und der Beizen bronzener Duft. Die wundersamen Töne aus des Vaters Instrument waren gleich dem Geschmack von Zimt und warmer Milch. Sehnsucht nach der Zeit, da Tod und Liebe noch mythische Figuren, trieb ihn nochmals in den Schlaf. Doch das ferne nahe Türklappklapp, Zuruf befehlsgewohnter Frauenstimmen, aufauf, marschmarsch, ans dienstbare Gelichter, und andere Erscheinungen hektischer Betriebsamkeit drangen aus dem Parterre zu ihm her wie ein endzeitlicher Rumor. Flammenschein erhellte immerhin seines aufgeschreckten Geistes Bahn. Er lächelte von Horizont zu Horizont und war doch in Vollkommenheit erfüllt von wehmütigen Empfindungen. In der Tat verloren war der revolutionäre Ruch des Nichterlaubten, verloren auch der Reiz des Schattentums, dahin die Überlegenheit des Wissenden. Einen Augenblick noch wollte er die Bilder der Vergangenheit in sich bewahren, jene Ahnungen und Hoffnungen im Duft des ersten Sommers vor zwei Jahren.

Harz sickerte von Bäumen, ergoß sich über Blüten und kleines Getier. Triebe brachen hervor aus bräunlichem Moder. Schlick trocknete an der Sonne. Weißbäuchig trieben im Fluß tote Fische. Wind orgelte leise in altersschwachem Falsett, trug den Geruch des Werdens und Vergehens hinauf, bis an die Grenzen der Ionosphäre. Unentwegt rieselnd zermahlte Sand die Gebeine der Toten zu Staub, und die Luft war erfüllt von Fata Morganen. Gleich harmlosen Spaziergängern in angemessener Distanz wie Haltung waren Marianne und er, die göttliche Versuchung und der zutiefst irdische Versucher, dahingeschlendert auf dem Weg zu der Liebe Walstatt, scheinbar ohne jede Absicht, damals, im späten Juni ‘39. Dabei hatten sie doch in scheinbar unauflöslicher Widersprüchlichkeit gewußt, was sie erwartete, aus dem, was sie sich erhofften.

Kommentar:
Alexander hat das große Los gezogen. 1941, am Vorabend des Rußlandfeldzugs heiratet der Leutnant aus kleinbürgerlichem Haus die Tochter seines adligen Generals; der Traum einer Liebesheirat ohne Wenn und Aber. Doch die Zeiten sind der Liebe nicht günstig. Der Krieg verändert die Menschen. Für den Oberst endet er in russischer Gefangenschaft. Das Trauma, zu den Verlierern zu zählen, scheint umzuschlagen, als die Russen ihn hofieren. Alexander glaubt, den Teufel mit Beelzebub austreiben zu können und wird wiederum mißbraucht. Am Ende ist er General der NVA und hat alles verloren, seine Liebe, wie sich selbst. Marianne wäre seine Rettung gewesen. Sie hat zu sich selbst gefunden.


Frühe Erzählungen, neu bearbeitet

1. Der unsichtbare Kreis, utopische Erzählungen, 1977
In eisiger Planetenferne begegnet dem Forscher seine verlorene Liebe. Wer ist das Wesen? Die Frage hätte er besser unbeantwortet gelassen. // Ein Amüsierausflug junger Leute zu den äußeren Planeten endet in der Katastrophe. Fun for ever. Sie ignorierten die Stimme der Vernunft. // Die Besatzung einer fernen Raumstation verliert die Nerven, greift grundlos ein außerirdisches Raumschiff an. Die Aggression wird anders als zu erwarten beantwortet. Zweihundert Jahre später entdecken Raumfahrer jene Besatzung in einer unbegreiflichen Existenzform und bringen sie durch Ignoranz tatsächlich beinahe noch um.


2. Störgröße M, utopische Erzählungen, 1980
Ein Jubiläum des historischen Raum-Heroen steht an, Ikone der kosmischen Ära. Zwei Historiker begeben sich auf seine Spuren und entlarven fern der Erde dessen Verbrechen. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. // Im Rennen um den besseren zweier neuer Planeten eines fernen Systems ignoriert die Besatzung eines der Schiffe alle ethischen Maßstäbe und siegt sich in den Tod. // Verschüttet in der Tiefe eines Planeten überleben zwei Menschen dank autogenem Tiefschlaf und Raumanzug 200 Jahre, nur unterbrochen von kurzen Befreiungsmühen. Endlich frei, versuchen sie Hilfe herbeizurufen. Doch eine Patrouille auf der Oberfläche, eingeengt durch bürokratische Regeln, folgt den Signalen nicht.


3. Abends im Park und nachts und morgens, Geschichten aus der DDR, 1983
Dort begegnet ein älterer Mann einer jungen Frau. Sie ist auf der Suche nach Leben. Er hat die Suche schon aufgegeben. Durch ihn erfährt sie zum ersten Mal im Leben Liebe, und er durch sie zum letzten Mal. // Ein Lehrer vermittelt ein Heldenbild, durch das einer seiner Schüler zu Tode kommt. Die heile Welt dörflicher DDR-Idylle erhält einen Riß. // Junger Mann begegnet in einem seltsamen blauen Haus einer phantastischen Welt und bekommt Probleme mit der spießbürgerlich sozialistischen. // Ein Kombinatsdirektor verdankt seine Karriere einem polnischen Partisan. Von ihm gefesselt zwischen den Fronten ’44, gibt ein Schild ihn als Verräter aus. Kämen die Deutschen zuerst, hätte es seinen Tod bedeutet.


4. Elternmißhandlung oder Die Vollendung des Turmbaus zu Babel, Phantastische Erzählungen, 1994
Im Fortschrittswahn gefangen, vernachlässigt ein Elternpaar sein Kind. Mittels phantastischer Imagination erschafft es sich seine eigene Welt und vergißt seinerseits die Eltern. Die schöne Spielwelt des Kindes tötet schließlich alle. // Einsam sucht der gefallene Diener der Macht im Rausch Erlösung. Tief gesunken, begegnet er einer Kreatur, die vor Jahrtausenden sein Schicksal erlitt und findet zu sich selbst zurück. // Durch Blitzschlag tauscht einer seine Identität und gewinnt in der des anderen seine Liebe. Doch mit seiner neuen Existenz lädt er sich auch dessen moralisches Versagen auf.


5. Die Liebe am Ereignishorizont, utopische Erzählungen, 1995
Besondere Umstände erlauben die verbotene Liebe zwischen einer Außerirdischen und einem Irdischen. Wissend, daß sie deshalb sterben wird, geht sie die Verbindung ein. Als der Vorgesetzte den Mann den Aliens ausliefern will, tötet er ihn. // Ein Mann und eine Frau überleben die Bruchlandung auf einem Planeten. Das Ende ist absehbar. Um weiterzuleben überträgt er seine Persönlichkeitsmatrix auf eines der grauenhaften dortigen Lebewesen. Sie bleibt mit ihrer Liebe zurück. // Zwei Schwestern verlieben sich in einen Unsichtbaren und verschweigen es voreinander. Doch dieser wird wegen seiner Formel gesucht und muß weiterfliehen. Am Ende täuschen die beiden Frauen sich selbst und gegenseitig etwas vor.