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»Autor mit Sukkubus«

Da sitzt er einem auf, der Schreibteufel und ist nicht wieder wegzukriegen. Strafe für Sünden?
Himmel, warum ist es mir nicht vergönnt, friedlich einem einträglichen Gewerbe nachzugehen? Wie alle anderen.
Wäre die Menschheit nicht tatsächlich glücklicher dran ohne all die erfundenen Geschichten, mögen sie nun gut oder schlecht geschrieben sein?
Da maßen wir uns an, Gott zu spielen auf dem Papier, trennen Liebende, lassen brave Menschen sterben und Schurken überleben, verteilen Reichtum und Mißerfolg. Wer sagt uns denn, daß das alles nicht in einer anderen Welt Realität wird?
Die Verantwortung des Schriftstellers kennt wahrlich keine Grenzen in Raum und Zeit.

Kommentar
Beginnend mit dem mysteriösen Erlebnis, das Hitler während des ersten Weltkriegs gehabt haben will, bis zur Machtübernahme 1933, gestützt auf einige Eckdaten des wirklichen Hitler, schildert die Handlung den Weg der Figur des Gefreiten Adolf Adolph, später genannt, der Führer.
Er ist Hitler in gewisser Weise ähnlich und doch gänzlich anders. Das Ende für ihn ist spektakulär und in keiner Weise geschichtskonform. Danach wird die Geschichte dennoch ihren bekannten Verlauf nehmen.

Allen Knechtschaffenden
An alle Himmel schreib ich‘s an
Nicht der Tyrann ist ein schimpflicher Mann,
aber der Knecht des Tyrannen

                             Christian Morgenstern








Adolf Adolf

Roman einer fiktiven Biographie


Prolog

Der Finger des Engländers am Abzug krümmte sich leicht. Atem- und reglos verhielt Adolf. Gnade kannten die keine. Wie auch? Krieg versus Menschlichkeit: Flucht und in den Rücken geschossen. Flucht wohin? Eines deutschen Soldaten unwürdig. Der Wald steht still und schweiget. Dichterwort, und. In Tiefen rumorte der Krieg.
Starr schaute die Mündung des Enfield-Gewehrs. Kalt und boshaft. Ihn an. Der ultimative Ausdruck des. Nichts. Anderes nahm er wahr. Nun. Wie seinerzeit. Durch den gefühlten Zeitlauf von. Noch immer. Äonen entrückt. Und für alle Ewigkeit. Das Auge des Vaters. Ohne menschliche. Des Bösen. Regung. Schlag auf Schlag. Schuß auf Schuß. Stille. Des Abgrunds An. Der Krieg ist, der Vater ist, des Bösen. Blick.
Ohne gedankliche Konsequenz wagte er in dieser letzten Sekunde seines Daseins die Anmaßung eines solchen Vergleichs. Beschämende Momente des Mutes wie der Selbstbehauptung rangen seiner Erinnerung Raum ab. Dahin floh des Todgeweihten Phantasie, in vergangenen Lebens Bilder; stoben auf wie Schwärme schreckhafter Vögel graues Nornenheer, verknüpften schicksalhaft das Hier und Heute der Westfront im dritten Kriegsjahr dem Sehnsuchtsort der Kindheit.


1


War es nicht ungerecht, dem Vater Boshaftigkeit zu unterstellen? Freisinnig und kaisertreu hatte er als Beamter zeitlebens seine Pflicht getan, den Leuten wie dem Staat gegenüber. In dieser Eigenschaft war Verlaß auf ihn. Jedoch in welcher Stimmung der Pensionist Aloysius Adolph des Abends aus der Wirtschaft nach Hause kommen würde, das wußte man nie. Er selbst wußte es auch nicht, äußerte kein Anzeichen irgendeiner Einsicht, noch Selbsterkenntnis, und sah sich vermutlich stets aufs Neue wie von einem seelischen Drang getrieben. Betrunken war er nicht, hielt darin Maß, wie in seinem Glauben an das Gute und an die unerschütterliche Ordnung der Welt; dazu gehörten zwei, drei Schoppen eines gepflegten Roten, nicht mehr, fluchte dann höchstens aus nichtigem Anlaß auf den Fortschritt im allgemeinen und auf einen Unbekannten namens Hölzl im besonderen. Totgesoffen konnte er sich also nicht haben, als sie ihn eines Tages auf der Bahre ins Haus trugen. Er, von kräftiger Statur, aß gern und gut, haßte die Pfaffen und liebte dennoch die Welt so wie sie war, ob mit Fortschritt oder ohne. Der hatte ihm seine anderen Kinder nicht erhalten können. Ihrer vier Buben starben zeitig an der Diphterie, an den Masern, der Schwindsucht. Nahm er seinem Jüngsten und Schwächsten übel, daß dieser als einziger neben der Schwester, dem Tod getrotzt hatte? Seinerzeit beim Anblick des Dahingeschiedenen hatte Adolf dem Sensenmann und auch dem Vater, dessen Stärke nicht ausgereicht hatte, ihn und den Tod zu besiegen, gedankt. Dafür verehrte er beide gleichermaßen und wollte, nun selbst angesichts des unausweichlichen Endes, dem Vater Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nicht Haß auf irgend etwas Unausdenkbares hatte den zuschlagen lassen, nicht Niedertracht gegen den Schwächeren, eher der Ordnung halber, oder wegen der Gewohnheit oder um sich seiner selbst zu besinnen. Was wohl dreifach für ihn aufs Gleiche herauskam, um seine Stellung in der Welt zu bestimmen. Weniger seine Hand hatte Schmerz zugefügt, vielmehr der Nichtausdruck des Auges, klein und rund und geschäftsmäßig neutral, aber gerade darin gleichsam von übermenschlichem Gerechtigkeitssinn erfüllt. Wie die Mündung des Lee-Enfield. Sie läßt keinen Unterschied erkennen. Ziel ist Ziel. Physikalische Gesetze haben die Form der Waffe bestimmt. Es ist ihre Gewohnheit zu töten, Schmerz zu bereiten, wenn der Schütze verreißt und die Kugel das rechte Ziel, genau ins Herz, verfehlt. Des Vaters Hand traf immer. Doch niemals ließ der Knabe Adolf einen Schrei des Schmerzes, der Demütigung zu, vergoß nicht eine einzige Träne. Was den Vater vielleicht zum Aufhören bewegt hätte; der Gewohnheit wie der Selbstbesinnung wäre Genüge getan. Daher betrat die Mutter oft verspätet den Schauplatz des Martyriums, was der Junge ihr nicht verargte. Ihr helles Antlitz tauchte hinter dem Rücken des Vaters auf und sagte, genug ist genug. Allein ihr Blick hätte genügt. Er spiegelte sich in den Augen des Gezüchtigten, verbreitete von da her ein unirdisches Licht im Raum wie von himmlischer Erscheinung, und der Vater wußte sie wohl zu deuten. Sie legte ihm nicht begütigend die Hand auf die Schulter. Das mochte er nicht. Ihre sanfte Stimme erteilte ihm Absolution, indem sie irgendeine Belanglosigkeit erwähnte, etwa die Milch sei um zwei Heller teurer geworden, oder die verrückte Nachbarin habe sich aufgehängt. Sie fragte auch nicht nach dem Grund der Schläge. Es gab keinen, außer vielleicht den, daß der Knabe Adolf hart werden sollte, um es zu etwas im Leben zu bringen. Er wollte ja hart werden, wie der Vater es verhieß, und Erfolg im Leben haben, wie alle Tüchtigen, wie der Vater, nur anders, so, wie er ihn sich erträumte, den Erfolg, ohne noch Bild oder Eigenschaft dieses Dinges benennen zu können. Respektvoll grüßten die Nachbarn den Vater zuerst. Habe die Ehr‘ Herr Oberinspektor. Sie kannten ihre Stellung, und das bereitete auch dem Knaben Genugtuung, auch noch im Schmerz der Züchtigung.
Mit derartigem Verständnis schaute die Mutter dem Vater über die Schulter, überirdischen Glanz in den Augen, so wie jetzt dieser englische Elitesoldat hinterm Visier des Enfield. Er hatte, die Waffe noch immer im Anschlag, das linke Auge geöffnet, kühler, klarer Blick, versierter Schütze, wie ein jeder dieser Einzelkämpfer, die sich durch gegnerische Linien schlugen und, auf sich gestellt, im Hinterland des Feindes operierten. Dieser hier traf auf die kurze Distanz von etwa zwanzig Metern auch ohne Diopter-Visier. Heller, klarer Blick aus fast mädchenhaft zartem Antlitz, den Finger am Abzug. Gleich würde er den Druckpunkt finden. Adolf empfand keine Angst, keinen Schmerz, hatte nicht einmal die Hände gehoben, geschweige denn den Karabiner. Das war der Erfolg, den der Vater selig ihm versprochen, und dafür dankte er ihm jetzt noch einmal, für seine, des Sohnes, Stärke, dem Tod ins mädchenhafte Antlitz zu schauen. Er würde nicht um Gnade betteln, obwohl er dieses Gefühl des Triumphes angesichts der Niederlage gerne noch mehrfach ausgekostet hätte, wenn ihm denn die Zukunft dazu Gelegenheit gegeben, ein neues Spiel, ein neues Glück, oder auch nicht. Alles war Spiel. Da er jedoch noch immer nur diffuser Vorstellung seines künftigen Daseins unterlag, nie zu einer konkreten vorgedrungen war, stets nur von Moment zu Moment existierte, kam in ihm kein Empfinden von Verlust auf. Die Kugel vom Kaliber 7,7 würde ihn treffen, eine von zehn im Magazin des Enfield, 11,28g Hartblei, Aluminium, Nickel, Kupfer, wollten seinen Brustkorb durchschlagen. Er würde gestorben sein, ohne sich ergeben zu haben, wie es einem deutschen Soldaten geziemt. Darin lag seine ganze Befriedigung, daß er es zu etwas gebracht hatte, zu diesem Mut, den Vater und den Tod zu verehren. Denn in diesem Augenblick wurde ihm klar, daß auch dies ein Spiel war, wie die Schläge des Vaters, ein Spiel um Macht. Immer ging es um Macht. Wer Gewinner, wer Verlierer? Er hatte den Vater schließlich durch den Tod besiegt und verehrte seinen Verbündeten, wie auch den Unterlegenen mit der Würde des Überlegenen. Ungebrochen, sieghaft heiter, wollte er nun Abschied nehmen.
Reflexhaft schien indes der Engländer zu lächeln. Doch als er das Gewehr sinken ließ, und sein Mund sichtbar wurde, war dieser ernst und geschlossen. Nur die Augen unterm Helm waren von ähnlicher Helle erfüllt, mit der die Mutter ihm Trost gespendet und doch gänzlich anders. Unerträglich glomm und gloste dieses Licht, schien gleichsam zu künden von himmlischer Erleuchtung, so daß Adolf für einen Moment wie geblendet die Augen schloß. Als er sie wieder öffnete, war der Soldat, so schnell und lautlos er Sekunden zuvor aus dem Dickicht des Waldes aufgetaucht war, verschwunden. In der Ferne röhrte und dröhnte in mörderischer Abwehrschlacht die Front, Stahlgewitter. Auf widersinnige Weise enttäuscht, lauschte der Verschmähte, starrte ins Halbdunkel des Unterholzes.
Unter anderen Umständen hätte dies der Moment sein können, über das Leben im allgemeinen und im besonderen nachzugrübeln, über woher und wohin des Menschen im großen und ganzen, sonderlich des Individuums und Gefreiten Adolf Adolph im speziellen. Doch der Krieg folgte eigenen Gesetzen, dachte nicht daran, wegen eines nicht mal Todeswürdigen seinen Lauf zu ändern und einen Augenblick der Besinnung zu gewähren. Kein Zweig zitterte, kein Ast schnellte zurück. Lauerte der andere vielleicht, um ihm von hinten zu besorgen, was er von vorne nicht gewagt? Feiglinge waren die nicht. Was hatte den abgehalten, seine Pflicht zu tun?