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Pressestimmen, Rezensionen, Leserbriefe, etc.


Wieviel Tod verträgt der Mensch?
oder
Allerletzter Versuch: Israel, das Gelobte Land

Bernd Ulbrich: „Ein schöner Tag zum Leben nach dem Tod“
trafo Verlag Berlin, 2017
556 Seiten, Broschur. 29,95 Euro

ISBN 978-3-86465-082-6

Darf ein Autor so etwas schreiben? Natürlich darf er. Das Grauen in dieser Dimension wird abstrakt und gewinnt allein Gestalt durch die literarische Form. Die ist, wie immer bei Ulbrich, hoch angesetzt, souverän beherrscht, auf der menschlichen Ebene kaum steigerbar dramatisch, wenngleich das Thema à priori trivial anmuten mag. Die Zahl der Autoren, die sich an Weltuntergangsszenarien versuchten ist Legion, die Effekte stets äußerlich, geprägt von apokalyptischer Naturgewalt: Mensch, Kometeneinschlag, Virusepidemie, Krieg u. ä. Große Entwürfe waren bislang nicht zu beobachten, Kassenerfolge schon. Was Ulbrich, Ausnahmeautor auch hierin, anbietet, kommt in Form und Inhalt sehr viel anspruchsvoller daher, setzt ethisch-moralische, selbstverständlich literarische Maßstäbe, bleibt dennoch verhalten in der Message und bis zuletzt spannend im Verlauf.
Die Welt besteht intakt und im Überfluß weiter, nur die Menschen sind tot, unspektakulär, von einem Moment auf den anderen, Schuldige wie Unschuldige, Junge wie Alte, Arme wie Reiche. Bis auf wenige zufällig Auserwählte. Werden sie aus der Katastrophe lernen, Vorurteile und Denkklischees überwinden, sich auf ihr Menschsein besinnen?
Wie fühlt man sich, nach fehlgeschlagener Mordabsicht dem Tod im unterirdischen Verließ nach zwei Wochen entronnen, ungläubig, doch noch ans Tageslicht gelangt zu sein? Georgs Weg zurück ins »Leben« begleiten Archibald der Hund und eine Kaskade von Leichen, einschließlich der seiner Mörder. Noch immer nichtsahnend betritt er sein Haus in dem kleinen gerade prosperierenden Bergdorf, nichtsahnend legt er sich zu Bett, nichtsahnend macht er sich morgens auf den Weg zu Margarete, dem gleichgesinnten Gretchen, die ihn, den Querkopf, Dr. Georg Steiner, der sich allseits unbeliebt gemacht hatte, stets in seinem Kampf um Gerechtigkeit und Moral zur Seite stand. Die Erkenntnis seiner Liebe kommt zu spät. Tot auch sie, das Dorf ein einziges Totenhaus, die nächste Stadt, das ganze Land, die Welt. Im Flugzeug beobachtet er das Grauen von oben und gibt die Hoffnung nicht auf, doch noch einen lebenden Menschen anzutreffen. Der erste ist ein Verrückter. Wie nicht nach solcher Katastrophe. Aber er muß ihn töten. Vier durchgeknallte Flittchen auf Mallorca geben kaum Hoffnung auf eine künftig bessere Welt. Aber dann begegnet er Susanne, die wie er ihren Mörder überlebte, schwer traumatisiert durch die Ermordung ihrer Kinder. Eine zarte Liebe keimt dennoch, ein Hoffnungsschimmer, als Adam und Eva Begründer eines neuen Menschengeschlechts zu werden und endet vorzeitig mit ihrem Verzweiflungssprung aus dem Flugzeug. Tausend Meter Fall überlebt man nicht. Einer Zukunft beraubt, könnte Georg ihr folgen. Doch er stellt sich seiner Verantwortung weiterzuleben. In allen Großstädten Europas hinterläßt er die Nachricht seines Aufenthalts. Ein Kloster im Süden Deutschlands wird nach und nach zum Refugium für eine illustre Schar Überlebender, abtrünnige Scientologen, demoralisierte Manageranwärter, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten, Gläubige und Atheisten, Kinder und Jugendliche, nicht mehr als siebzig bis achtzig von achtzig Millionen Deutschen, eine kleine Gemeinschaft, dazu verdammt sich neu zu erfinden. Doch die Widersprüche und Probleme der alten holen die neue Welt ein. Überlebt haben nicht nur Edelmenschen, sondern auch Abschaum, in Person des Bankers Dr. Victor Goltzmann, oder einer Gruppe militanter Neonazis. Letztere kann man vorerst mit Hilfe einer Spezialeinheit der Bundeswehr besiegen und vertreiben, deren beide Kommandantinnen, Carola und die türkischstämmige Sevna, schließlich Georgs Geliebte werden. Sie bilden im Verlauf der Handlung einen Teil des Führungszirkels um ihn. Die überkommene Moral muß einer neuen, ungewohnten und unbequemen weichen, die den Begriff Nebenfrau oder Nebenmann nicht mehr kennt. Ein jeder ist gleich viel wert. Nicht alle sind dazu bereit. Der noch gefährlichere Feind sitzt bereits im Inneren der kleinen Gemeinschaft. Religiöse und moralische Intoleranz christlicher Fundamentalisten oder angebliche Sittlichkeit treiben einen Keil zwischen die Bewohner des Klosters. Machtansprüche werden konstituiert, schwächen ihre Abwehrkraft und hätten bei einem erneuten Angriff der rachsüchtigen Nazis fast den Untergang herbeigeführt. Unter den Toten ist auch Carola, eine von Georgs Geliebten und Mutter seines Kindes. Obwohl er als Anführer und Integrationsfigur, als Mahner und Sachwalter der Vernunft unangreifbar scheint, gelingt es den Bigotten und Bequemen schließlich seine Stellung zu untergraben und seine Vertreibung zu initiieren. Als Gnadenerweis gestatten ihm seine Gegner, seine tote Liebe, Susanne zu bestatten. Er kehrt an den Ort ihrer Verzweiflungstat zurück und entdeckt Spuren ihres Überlebens. Tatsächlich findet er sie unversehrt in einem alten Forsthaus unweit des Platzes, hoffend, er würde kommen, obwohl sie ihn bei einem heimlichen Besuch des Klosters in den Armen seiner Geliebten beobachtet hatte. Aber sie akzeptiert die Notwendigkeit einer neuen Art von Liebesbeziehung, die den Besitzanspruch aneinander, nicht nur durch den Zwang der Vermehrung, verbietet. Vorerst kann er bei ihr mit einigen Getreuen Unterschlupf finden. Doch die Situation im Kloster eskaliert durch den GAU eines nahen AKW im Westen von Deutschlands Grenzen. Die Radioaktivität steigt, mit ihr auch die Zahl der Einsichtigen, den Ort zu fliehen. Doch die religiös-ideologischen Hardliner glauben an einen Trick und wollen, mit Gottes Hilfe, ausharren. Teilung bedeutet Schwächung. Aber Vernunft ist hier nicht gefragt, sondern Glaube, so irrational er auch sein mag. Als neues Domizil bietet sich Israel an, zu dem Georg durch einen Geheimdienstler bereits Kontakt aufgebaut hatte. Durch den gleichen mörderischen Zufall, der auch Susanne und ihm das Leben rettete, überlebten dort überdurchschnittlich viele Menschen, einige Tausend, Juden wie Moslems, die Attacke geheimnisvollen Giftes oder Strahlung kosmischen oder irdischen Ursprungs, terroristischer oder industrieller Genese oder alles zusammen, dies gerade im Augenblick eines hinterhältigen Raketenangriffs der Hamas. Eine solche Gemeinsamkeit wirkt symbolisch und verbindet. Aber auch praktische Überlegungen spielen eine Rolle: je zahlreicher eine Population, desto sicherer ihr Überleben, zumal nicht nur Neonazis in Deutschland reüssieren, sondern auch Islamisten am Hindukusch, und die sind bereits auf dem Weg nach Israel, wie Georg und Sevna anläßlich der Suche nach deren vom Kindesvater in die Türkei verschleppten Sohn, dort beobachten konnten. Sevnas Mutterinstinkt ist mindestens so stark wie ihre Liebe zu Georg. So werden er, sie und Susanne zum Symbol einer neuen, freien Menschenbeziehung, die auch die Tochter Georgs und der im Kampf gefallenen Carola mit einschließt.
In Israel erwartet man sie. Von dort nimmt die Menschheit einen neuen Anlauf. Ist es gerecht, ein Volk literarisch solcherart hervorzuheben? Würde sich die Frage stellen, hätte der Autor ein beliebiges anderes Land als das Gelobte gewählt? Vielleicht ist er nur ein Gerechter unter den Völkern oder, etwas bescheidener, einer von Vernunft und Gerechtigkeitssinn. Ihm ist, man erwartet es von Bernd Ulbrich nicht anders, ein großartiger Roman gelungen, fesselnd und tiefsinnig zugleich, erotisch und dramatisch, tragisch und doch mit einem Funken Hoffnung. Für alle, die keine Denkverbote kennen und der Menschlichkeit noch eine Chance zuerkennen.

Bernd Ulbrich, in der DDR einer der erfolgreichsten Erzähler, hatte sich bei Insidern einen Namen als SF- und Gegenwartsautor gemacht, schrieb Hörspiele und Texte fürs Theater. Er ist genauso idealistischer Realist wie sein Dr. Georg Steiner, der Held dieses Romans. So erstaunt es nicht, daß ihn die DDR-Zensur zwischen 1983 und 1989 mit Publikationsverbot belegte. Heute wie damals schreibt er, was sein Gewissen ihm aufträgt, ob mit oder ohne Publikationsverbot. Er verkörpert meines Erachtens als Humanist eine der wichtigsten literarischen Stimmen in Deutschland im Ringen um eine bessere, gerechtere Welt. Man wünscht diesem Buch Erfolg, Beachtung und Anerkennung in der Welt. Denn es handelt sich in ihm zweifellos – wie seine drei aktuellen Vorläufer – um Weltliteratur.

Miriam Magall


Klappentext:
Von Zivilisationsängsten bedrängt oder von Sensationshascherei getrieben spielen Autoren der Neuzeit mit Weltuntergangszenarien. Bernd Ulbrich findet eine neue, originelle Variante zum Thema, gestaltet sie auf Ulbrich‘sche Art faszinierend, hart und sensibel, sinnlich und kämpferisch, bis zur bitteren Erkenntnis der Kontinuität.
Auf einen Schlag ist die Menschheit ausgelöscht. Über die Ursache wird spekuliert. Überlebt haben landesweit keine Hundert. Protagonist Georg, Visionär und Idealist, führt sie zusammen, bietet Lebensmut und Gemeinsinn, unterliegt letztlich den Feigen und den Opportunisten, den ideologisch Verblendeten und den Kompromißlern. Vor der Kulisse von sieben Milliarden Toten lebt und wirkt die alte Welt nicht nur in ihnen, sondern auch außerhalb von ihnen weiter. Neonazis bedrohen die Existenz der Klostergemeinschaft. Radioaktivität kollabierender AKW breitet sich aus. Vom Hindukusch brechen Islamisten auf, um den vermeintlich letzten Juden in Israel den Todesstoß zu versetzen. Und doch ist das Gelobte Land der einzige Ort der Welt, an dem sich Georg und seine Freunde den Neubeginn der Menschheit erhoffen. Der Frage, warum gerade dort, wird im Roman Antwort eingeräumt. In der Wirklichkeit kommt ihr keinerlei Berechtigung zu.


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Mit Bernd Ulbrich ist ein großer Autor neu zu entdecken.
Horst Illmer (in Phantastisch 9/2005)

Auszüge des Arbeitsgutachtens von Prof. Anneliese Löffler, 1982, zum Sammelband
Gegenwartserzählungen Abends im Park und nachts und morgens, (AT: Nachts schreien die Katzen).
Erschienen 1983 bei Mitteldeutscher Verlag, Halle.

Seit langem schon hat mich die künstlerische Haltung und Gestaltungsfähigkeit von Bernd Ulbrich interessiert. Leicht ist nachzuweisen, daß er zu den sehr begabten Schriftstellern der jüngeren Generation in unserem Lande (DDR, B.U.) gehört. Dafür spricht auch das bei ihm deutlich ausgeprägte Suchen nach neuen Ausdrucksformen. Mit Hilfe skurril phantastischer Mittel hat er sich an gesellschaftlich brisante Fragen der Gegenwart herangeschrieben und Stoff zum Nachdenken mit jeder Arbeit geboten.

Wenn ich unsere Literatur überschaue, dann sehe ich, daß er mit seinem Stil recht einsam auf weiter Flur steht. Letztlich spricht dies für ihn, und da wir alle herkömmlichen und neuen Mittel des künstlerischen Erzählens brauchen, ist seine Begabung erst einmal hervorzuheben. Seine Art des Erzählens hebt sich von anderen ab und wird auch in den nächsten Jahren eine Besonderheit bleiben…
Der Sinn eines solchen Erzählens erschließt sich nicht auf den ersten Blick, er liegt auch nicht im Vordergrund des Erzählten, ist deshalb ganz leicht den unterschiedlichsten Mißdeutungen ausgesetzt, bedarf also einer besonderen Sorgfalt bei der Interpretation…
Phantasie und Vorstellungskraft des Lesers werden gleichermaßen in Bewegung gebracht. Außerdem arbeitet er sprachlich sehr sorgsam, Wortwahl, Suche nach der besten Metapher, Satzbau und Komposition sind ihm ganz offenkundig noch wichtige Werte. Wer den Gesamtzustand unserer Literatur kennt, empfindet das Bedürfnis, dies hervorzuheben (aktueller denn je, B.U.).
…Literatur lebt davon, daß sie »etwas zu sagen hat«. Bei jedem der bisherigen Werke Bernd Ulbrichs hatte ich den deutlich benennbaren Eindruck, daß er Wichtiges zu sagen hat, daß manches unbequem erscheinen mochte (ich meine hier den an leichte und konventionelle Kost gewöhnten Leser), und daß er immer den Anlaß zu produktiver Auseinandersetzung bot.

Wobei, dies zu sagen sei als persönliche Bemerkung mir erlaubt, er sich inmitten streitbarer Diskussionen immer völlig offen verhielt, d.h. das Widerwort ohne die kleinlichen Gefühle des Beleidigtseins hinnahm, jedoch auch nicht mit der Geste reagierte: das geht mich alles nichts an. Wie er selbst ernst genommen werden wollte, nahm er auch den Diskussionspartner ernst (siehe aktuelle anonyme Diffamierung bei Wikipedia, B.U., 2017) – und so kam eigentlich immer etwas bei den Debatten heraus – für die einen beim Schreiben von Literatur, für die anderen beim Verständnis von Literatur.

Dies ist keineswegs als lediglich höflicher Prolog gedacht. Im Gegenteil, wenn ich mir das Recht zu einer Wertung nehme, dann habe ich sozusagen die Pflicht zu sagen, mit wem ich es meiner Auffassung nach zu tun habe.

Die Lektüre der Geschichten, die im neuen Band zusammengefaßt sind, fiel auch mir nicht leicht, obwohl ich an die Aufnahme komplizierter Texte gewöhnt bin. Darin sehe ich aber wahrlich keinen hinreichenden Grund, gegen die Publikation der Texte zu sein (nach Veröffentlichung wurde in der DDR jede weitere Publikation von mir verhindert, B.U.)

Im Gegenteil, ich möchte vorschlagen, die Texte von Bernd Ulbrich zu publizieren.


Zusammenfassung
Es hat sich gezeigt, daß bei allen Geschichten mehrere Versionen geistigen Angebots herauszulesen sind. Eben dies ist bei guter Literatur immer der Fall. Ich habe anzudeuten versucht, daß dies gar wohl in unterschiedlicher Weise geschehen kann. Manche Vielzahl führt in die Irre und manche produziert gedanklichen und emotionalen Reichtum, den wir brauchen. Ratlosigkeit ist der eine Pol, Bereicherung der andere. Insgesamt muß ich deutlich sagen, daß mich die Geschichten sehr beschäftigen und zwar weit mehr als manches Angebot, was von der Kritik höchlichst als neuartig angepriesen wurde (wie aktuell! B.U. Eine Neuauflage dieses Titels ist bei trafo Berlin geplant, B.U.)


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Klappentext Ein schöner Tag

Nach Ulbrichs Roman, Zwei tauschen ihren Schatten im Beisein eines Dritten, hätte man eine Steigerung nicht mehr für möglich gehalten. Wie wäre ein Meisterwerk zu übertreffen? Die Frage heischt keine Antwort. Mit diesem jetzt vorliegenden Werk schuf der Autor eine Symphonie der Liebe, die an manchen Stellen die poetische Dichte des Liedes der Lieder erreicht und auch darin von Mal zu Mal noch Steigerung erfährt. Der Autor übertrifft sich selbst, nicht nur durch den Kontrast zu einem Todesszenarium, wie es extremer nicht möglich ist, das Grauen in höchster Potenz.
Überschreitet der Autor damit nicht die ihm auferlegte Verantwortung? Mitnichten, im Gegenteil. Aber handelt es sich hierbei nicht doch um Phantasien krankhafter Ausformung? Der gute Zweck heiligt die Mittel, allemal die der Literatur. Liebe in Reinstkultur? Gibt es die, ohne in Klischee und Kitsch zu verfallen? Ulbrich bringt das Kunststück fertig. Unsentimental, immer wieder gebrochen durch Ironie und andere Kontraste, beschwört er die Liebe als einzig mögliche Rettung der Protagonisten, setzt sie Zweifeln aus und Wiedersprüchen, Schwächen und Verirrungen. Was sich wie ein roter Faden auch durch seine früheren Romane zieht, die Liebe als Schlüssel zur Freiheit. Nicht deformiert durch kleinbürgerliche Konventionen und religiöse Indoktrinierung, kann sie ihrer Funktion nur gerecht werden, indem sie selbst frei ist, Ursache und Wirkung in Einem sein, dabei ihre größte Kraft entfaltend in zärtlicher Stille und kompromißlosem Widerstand. Der Weg der Liebenden ist gezeichnet von Opfern. Daran wird sie zu messen sein auf der Skala von Null bis Unendlich.

Rachel Kochrawi


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Klappentext Adolf Adolf

Wer gedacht hätte, das Thema Adolf Hitler sei durch Hunderte von Prosaarbeiten, Essays, Publikationen etc. erschöpft, sollte von dem hier vorliegenden Roman eines Besseren belehrt sein. Schier unerschöpflich an Phantasie, sprengt Ulbrich wieder einmal die ohnehin fragwürdigen Grenzen literarischer Konvention, zumal deutscher, sowie modischer, und fügt dem weltweiten Ensemble der Variationen eine weitere, überaus originelle hinzu, beweist damit für seine Person aufs Neue, daß das Verdikt, deutsche Autoren, untalentiert für opulente Geschichten, hielten trockene oder wirklichkeitsfremde Bauchnabelschau, eine Verleumdung narzißtischer Kommentatoren ist. Auf höchstem literarischem Niveau, bekennend die Willkür des Weltautors, hat er mit Adolf Adolf eine lebendig-widersprüchliche Kunst-Figur (ohne jede Ambition zur Er- oder Verklärung der historischen) geschaffen und eine ebensolche, von prallen Geschichten getragene Historie, die wie das feinabgestimmte Räderwerk eines im Rhythmus menschlichen Herzens tickenden Chronometers ineinander greifen und doch von den gleichen physikalischen Gesetzen bestimmt sind, wie die wirkliche Wirklichkeit, das heißt, der Tag hat vierundzwanzig Stunden und Mitternacht ist Geisterstunde. Ulbrich nimmt sich die Freiheit, diese auf den ganzen Tag auszudehnen, und die Geister, die er rief, als deren Meister nach seinem Willen zu dirigieren. In dem Konzert der Schicksale räumt er – selbstverständlich bei ihm – der Liebe den ersten Platz ein. Die Suchenden, die Irrenden führt er souverän durch Höhen und Tiefen, gewährt Vergebung und unerbittlich Verdammnis. Selbst die Kraft der Liebe zähmt er mit einem Zauberwort und schafft so doch am Ende ein anderes Wunder als erwartet.

Dina Marzouk


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